Weihnachtsmärchen: Teil 8

8. Dezember 2013 at 06:41 (Weihnachtsmärchen) (, , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Igor weinte nicht. Igor weinte nie. Er hatte es sich abgewöhnt, weil es keinen Sinn hatte, zu weinen. Er bekam nie das, was er wollte – egal ob er deswegen einen Aufstand machte, oder nicht. Und zu weinen kostete Kraft. Er nickte nur, drehte sich um und verbrachte seinen letzten Tag in dem Kindergarten im besten Bezirk der Stadt, in dem nur wohlhabende Unternehmer, zu Reichtum gekommene Künstler und überbezahlte Politiker wohnten.

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Weihnachtsmärchen: Teil 7

7. Dezember 2013 at 06:36 (Weihnachtsmärchen) (, , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Am nächsten Morgen, es war ein Tag im frühen April, weinte die Frau, als sie sich vor dem Kindergarten von ihm verabschiedete. Sie drückte ihm eine kleine Tasche mit seinen Habseligkeiten und ein paar der neuen Spielsachen in die Hand und schluchzte: „Igor, es tut mir so leid… Aber wir können dich nicht bei uns behalten… Deine Betreuerin wird dich heute nach dem Kindergarten abholen.“

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#56 Überwältigt

30. August 2013 at 22:04 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

In jenem kurzen Moment zwischen Schlaf und Wachheit, jener Sekunde, die sein Geist nach dem ersten Öffnen der Augen brauchte, um sich zu erinnern wo und wer er war, erfüllte ihn ein Gefühl der Überwältigung. Sein Herz begann spürbar zu pochen und seine Nebenniere versorgte sein Blut mit einer kleinen Menge an Adrenalin – gerade so viel, dass er ein aufgeregtes Flattern in seinem Bauch spürte. Er war überwältigt von ihr – ihr, der makellos eingerichteten Wohnung; ihr, der Stadt, mit all ihren in der Morgensonne glitzernden Fenstern und metallenen Bauwerken, die nur eine Glasscheibe entfernt auf ihn wartete; und ihr, der Frau, die neben ihm noch tief und fest unter der beigen Bettdecke schlummerte.

Alles, was er sich je erträumt hatte, war in diesem Moment wahr geworden, so verhieß es ihm sein dahindämmerndes Gehirn. Die Metropole, in die er vor drei Jahren gezogen war, in ein winziges Kämmerchen in der Wohnung einer alten Frau, die sich die Miete alleine nicht leisten konnte, die Stadt, die nie schläft, hatte ihn nun endlich und nach langem Kampf in ihre schützenden Arme genommen und ihm das majestätische Dach über dem Kopf gegeben, das er sich immer gewünscht hatte.

Er war verlacht worden, hatte die gehässigsten Scherze ertragen, hatte in Armut gelebt, nur um in dieser Stadt den Aufstieg zum anerkannten und gefeierten Künstler zu schaffen, dieser Stadt, die schon so viele Unbekannte zu Raritäten gemacht hatte, ausgestellt in einem Museum ohne Glasvitrinen, ungeschützt vor den gierigen Händen, Augen, Kameras der schaulustigen Menge. Und fast genauso viele der zu unerwarteten Bekanntheit gekommenen jungen Menschen hatte die Stadt wieder dahingerafft, sie hatten sich selbst dahingerafft, unfähig, mit dieser seltsamen Art von Ruhm und der Hassliebe der Klatschzeitschriften umzugehen.

„Künstler, Überlebenskünstler, das ist ein und dasselbe“, schoss es ihm durch den Kopf, in jener zweiten Sekunde, in der er auf die sonnendurchflutete Stadt vor dem gigantischen Fenster hinunterblinzelte. Er hatte nur dieses eine Leben um seine Träume zu verwirklichen, nur dieses eine Leben… So wie auch die Frau, die sich gerade im Schlaf umdrehte, sich ihm zuwandte, in ihrer schläfrigen Friedlichkeit die Finger nach ihm ausstreckte, ihn ohne ihr Wissen umarmte und an sich drückte.

Diese Frau hatte seine Anwesenheit gebraucht, in jener Nacht, die Zärtlichkeit genauso wie die Unschuld, die dieses erste Zusammentreffen mit sich gebracht hatte, ihre Beschämtheit darüber, dass sie ihn angerufen und zu sich bestellt hatte.
Ihr Leben war viel tragischer als das Seine, das Leben eines gescheiterten Künstlers – denn sie hatte alles, sie war wohlhabend, gut untergebracht und behütet, jeden Luxus dieser Welt konnte sie genießen und doch war sie allein. Allein in diesem goldenen Käfig, den der Mann, der jetzt an seiner Stelle neben ihr liegen sollte, dem die schlaftrunkene Umarmung galt, um sie gesponnen hatte.

Er hingegen war frei, konnte seine Flügel aufspannen und hinuntersegeln, hinunter in diese Stadt, die ihre Arme für Überlebenskünstler weit offen hielt. Drei Sekunden brauchte er um zu begreifen, was Glück war.

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#33 Regentag

26. Januar 2011 at 19:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Regentropfen klatschten gegen die Scheibe als der Wind sich drehte. Das Wasser lief in kleinen Rinnsalen am Glas entlang, wand sich mal hierhin und mal dorthin. Der Regen prasselte auf das Pflaster. Es hörte sich an wie ein Trommelwirbel.

Ich zog die Beine aufs kalte Fensterbrett, winkelte sie an und legte den Kopf auf meine Knie. Ich schloss die Augen. Der Trommelwirbel war für mich. Auf meinem Pony ritt ich in die Manege und tosender Applaus wogte durch das Zirkuszelt. Ich fuhr dem kleinen Pferdchen durch die lange Mähne, in die bunte Strähnen geflochten waren, um es zu beruhigen. Es war unser erster Auftritt. Ich trug ein wunderschönes rot-goldenes Kostüm, das mit Perlen bestickt war. Ich ritt eine Runde bevor ich mit meinen Figuren begann. Ich stemmte mich mit einer Hand vom Rücken meines trabenden Ponys ab und streckte die Beine in die Luft, machte Sprünge und einen Salto, eine Übung an den Ringen, während das Pony weitertrabte und als es wieder unter mir war, landete ich graziös im Sattel. Die Menge jubelte, als ich mich zum Abschluss verneigte.

Ich hatte nicht gemerkt, wie eine Schwester ins Zimmer gekommen war. „Du verkühlst dich doch, wenn du da auf dem kalten Sims sitzt“, tadelte sie mich. Ich reagierte nicht und versuchte sie auszublenden. Sie nahm mich einfach hoch und trug mich ins Bett zurück, weg von meinem Trommelwirbel. Ich schloss die Augen, während sie weiter auf mich einredete und Fragen stellte. Schließlich gab sie auf und deckte mich zu.

Ich öffnete die Augen wieder und starrte die regennasse Scheibe an. Wenn ich mich lange genug fest darauf konzentrierte und die Augen zusammenkniff, war ich wieder im Auto, mit meiner Familie auf dem Weg nach Spanien. Die Schatten, die sich hinter der Scheibe bewegten, waren die anderen Autos.

Ich dachte an Spanien. Den Strand, der teils felsig und teils sandig war, und meine Familie, die sich auf farbenfrohen Badetüchern im Schatten vom Schwimmen erholte. Mama und Papa auf den großen Handtüchern und meine Schwester und ich auf kleineren dazwischen. Wir würden Karten spielen und Wassermelonen essen und uns für das abendliche Dinner im Restaurant fein zurecht machen. Wir würden spazieren gehen und lustige Andenken kaufen. Eine glückliche Familie.

Es klopfte und der Arzt kam herein. Ich stellte mich tot und ließ mir kein Wort entlocken. Ich stellte mir vor, dass er mich mit zu sich nach Hause nahm. Er hatte bestimmt viel Geld und eine schöne Villa mit Swimmingpool. Vielleicht war ja die hübsche Krankenschwester, die ihn bei der Visite begleitete seine Freundin, die in der luxuriösen Küche einen Kuchen für mich backen würde? Bestimmt würde ich ein Pony geschenkt bekommen und der Arzt würde mich mit seinem schwarzen Cabrio zu den Reitstunden bringen. Die anderen Mädchen würden staunen.

„Ich bin ganz alleine auf der Welt“, sagte ich und setzte dabei meinen Dackelblick auf. Der Arzt sah mich verdutzt an, das war sicher nicht die richtige Antwort auf seine Frage gewesen. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Kann ich bei dir wohnen?“
Jetzt lachte der Arzt freundlich und tätschelte mir die Wange. Wie ein Vater.

„Aber, aber“, sprach er beruhigend auf mich ein, „du bist doch nicht allein auf der Welt! Bald kannst du wieder bei deinen Eltern und deiner Schwester sein. Du wirst sehen, ihnen wird es im Nu besser gehen und wenn du deinen Verband hinunter bekommst, könnt ihr gemeinsam nach Hause!“
Damit ließ er mich wieder alleine in dem weißen, kalten Bett. Die Chancen, dass er mich jetzt noch adoptierte waren wohl gering. Wenn mir doch irgendjemand hier die Wahrheit sagen würde…

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#21 Flashback

2. Juni 2010 at 20:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Das Kind weinte. Was sollte ich tun? Was hatte mein Vater immer getan, wenn ich als Kind geweint hatte? Er hatte mir Schokolade gegeben, als Ablenkung. Ich war ein dickliches kleines Mädchen gewesen. Seither aß ich immer Schokolade wenn ich traurig war. Aber genau heute hatte ich keine dabei.
Das Kind schluchzte laut auf.
„Schhh…“, machte ich und hockte mich wieder neben dem Mädchen auf den nassen Asphalt. „Schhh…“

Das Weinen hörte auf. Das Kind hielt inne, starrte mich verständnislos an, bevor es wieder losplärrte. Jetzt wusste ich wieder, warum ich keine eigenen Kinder haben wollte.
Ich stupste das Kind sanft an und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken – es sollte nicht dauernd zum Unfallsort schauen müssen. Das Kind drehte sich nur noch weiter weg von mir. Es sah heulend den Feuerwehr- und Rettungsmännern bei der Arbeit zu. Warum hatten sie mich mit dem Kind alleine gelassen? Ich hatte doch gar keine Ahnung von Kindern…

„Wie heißt du?“, versuchte ich mit der Kleinen ins Gespräch zu kommen.
„Lara“, schniefte sie.
„Möchtest du deinen Papa anrufen, Lara?“, fragte ich sie freundlich. Ich hielt mein Handy, mit dem ich vorhin die Rettung verständigt hatte, immer noch in der Hand und streckte es ihr nun entgegen.
„Ich habe keinen Papa“, brachte sie keuchend hervor. Auch das noch.
„Willst du vielleicht mit deinen Großeltern reden? Hast du ältere Geschwister, Tanten, Onkel?“, fragte ich, während die Verzweiflung langsam in mir hochstieg, während sie unentwegt den Kopf schüttelte. Sie zog lautstark auf, bevor sie „hab ich nicht“ murmelte.

Ich spürte, wie meine Augen begannen, feucht zu werden. Ich hatte immer gedacht, ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt, mit nur einer einzigen Bezugsperson, die noch dazu ziemlich ungeschickt im Umgang mit Kindern war. Aber dieses Mädchen hier hatte auf einen Schlag alles verloren.
Ich sah verschwommen vor meinem inneren Auge eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar und ebenso strenger Stimme. „Sollen wir sie mitnehmen?“, fragte sie meinen Vater. „Wir suchen eine neue Familie für sie.“ Mein Vater schüttelte langsam den Kopf und schickte die Frau von der Fürsorge weg. Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn sie mich damals mitgenommen hätte? Vielleicht hätte ich eine liebevolle neue Mami gehabt, einen Papi der mich zum Ponyreiten brachte und eine herzige Babyschwester. Vielleicht hätte ich aber auch immerzu Geschirr abwaschen und auf meine schlimmen kleinen Geschwister aufpassen müssen. Ich war froh, dass ich bei meinem Vater bleiben hatte dürfen, in der gewohnten Umgebung, auch wenn Papa sich nach Mamas Tod in einen stillen, traurigen und apathischen Mann verwandelt hatte, der mir kaum den nötigen Trost und Halt schenken konnte.

Endlich kam ein Sanitäter zu uns am Straßenrand kauernden einsamen Gestalten herüber. Er stellte mir einige Fragen und ich beschrieb ihm, was ich gesehen hatte, sagte, was ich wusste. Lara schwieg neben mir, wiegte ihren kleinen Körper hin und her und drückte ihre Hände gegen den kalten Asphalt. Flüsternd erklärte ich dem Sanitäter, dass das Mädchen jetzt anscheinend niemanden mehr hatte.
„Sollen wir mal schauen, ob wir im Auto noch einen Lutscher finden?“, fragte der junge Mann Lara freundlich und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Sie warf mir einen langen Blick zu, nahm seine Hand und ließ sich von ihm mitziehen. Ich blieb am Straßenrand hocken und sah zu, wie die beiden langsam durch den Nieselregen auf den bereitstehenden Rettungswagen zu gingen. Auf halbem Weg drehte sich Lara um und warf mir einen letzten Blick zu.

Es war dieser Blick, dieser verwirrte und hilflose Blick, der mich so sehr daran erinnerte, wie ich mich damals gefühlt hatte, der mich aus meiner Erstarrung aufweckte. Wenn es jemanden gab, der wissen musste, was man sich als Kind wünschte, wenn man eben seine Mutter verloren hatte, dann war ich es.

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