Weihnachtsmärchen: Teil 6

6. Dezember 2013 at 06:30 (Weihnachtsmärchen) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

„Er lacht nie. Ich habe ihn noch kein einziges Mal lachen gehört. Er schmunzelt nicht mal“, hörte er seine neue Mutter eines Nachts vor seiner Tür seufzen. „Immer wenn ich ihn ansehe, ist sein Blick leer… Das erinnert mich noch mehr daran, dass wir keine eigenen Kinder haben können.“ „Ich weiß, Schatz“, murmelte sein bald-nicht-mehr-Vater, „er ist ein eigenartiges Kind. Er braucht eine Familie, die schon mehr Erfahrung hat, die weiß, wie man mit solchen schwierigen Kindern umgeht…“ Igor konnte in jener Nacht nicht schlafen.

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Weihnachtskrimi: Teil 2

2. Dezember 2012 at 08:00 (Weihnachtskrimi) (, , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Leider handelte es sich nicht um einen amerikanischen Film, den ich karamellisiertes Popcorn knabbernd an jenem Wintertag gespannt genießen konnte: Diesmal waren nicht ein finsterer Gauner oder ein grimmiger Fiesling der Täter, denen man es schon auf den ersten Blick ansah, dass sie nichts Gutes im Schilde führen konnten; und da meine Familie sich weder einen Gärtner noch einen Butler leisten konnte, fielen die üblichen Verdächtigen auch weg.

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#42 Kurzbesuch

14. August 2011 at 23:16 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , )

Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich eine Frau mittleren Alters meinem Haus nähert. Um die fünfzig, würde ich schätzen. Sie ist nicht von hier. Frauen wie sie gibt es hier nicht. Ich strecke die Beine lang aus. Meine Zehenspitzen berühren die Grenze, wo der Schatten des Hausdaches auf die sonnenbeschienen Holzdielen trifft.
Sie geht bestimmt vorbei. Ich bekomme selten Besuch. Manchmal taucht der Vermieter auf, wenn ich nicht rechtzeitig das Geld überweise. Meist bei Anbruch der Dämmerung klopft er an die Tür, die unter seinem resoluten Faustschlag fast aus den Angeln fällt. Mit Einbruch der Dunkelheit erwachen die bösen Geister.

Zielstrebig hat sich die Frau ihren Weg über die morsche Holztreppe gebahnt, die zu meiner winzigen Terrasse führt, die zurzeit meine einzige Freude ist. Hier kann ich im Schatten sitzen und Leute beobachten, während die heiße Mittagssonne unnachgiebig das Gras in meinem mickrigen Vorgarten versengt. Den Traum von einem Rasensprenger habe ich schon lange aufgegeben.
Endlich steht sie vor mir. Ich blicke ihr nicht ins Gesicht, das tue ich bei niemandem. Wenn ich mit jemandem rede, fixiere ich einen Punkt über der rechten Schulter meines Gegenübers und spreche ins Leere. Ich weiß nicht genau warum, irgendwann habe ich damit angefangen.

Sie hält mir ein Bild unter die Nase und sagt etwas. Ich verstehe erst nicht, sie hat einen starken italienischen Akzent. Ich bitte sie widerwillig, ihren Satz zu wiederholen. Ohne sie oder das Foto eines Blickes zu würdigen. Ob ich das Mädchen kenne. Diesmal spricht sie langsamer, artikuliert die Wörter schöner. Und spricht lauter, vielleicht glaubt sie, ich würde schlecht hören.
Ich zwinge mich, das schwarz-weiße Foto zumindest oberflächlich zu mustern. Ich schätze das Mädchen auf zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig – aber ich bin mir nicht sicher, ich konnte noch nie gut das Alter anderer Leute einschätzen. Und die Bildqualität ist auch schlecht. Was geht mich das alles an?

Sobald ich wegsehe, habe ich die Gesichtszüge der jungen Frau schon wieder vergessen. Hier verschwinden oft Leute. Meist Mädchen, keine achtzehn Jahre alt. Der ganze Ort ist ein einziges Drecksloch, da passieren eben solche Dinge. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Wer nicht, der versauert hier.
Wir haben sogar eine Polizeiwache im Ort, aber eigentlich ist sie umsonst. Seit Jahren werden die Fälle nicht mehr aufgeklärt. Es interessiert ja doch niemanden. Für die Eltern ein Drama, natürlich, aber es gehört schon zum Alltag. Ich kann der Frau nicht helfen.
„Carabinieri“, sage ich und deute vage in die Richtung, wo sie einen schlafenden Polizisten hinter einem schäbigen Schreibtisch vorfinden wird. Irgendwann einmal konnte ich ein paar Brocken Italienisch. Aber das war in einem anderen Leben.

Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Der Stuhl knarrt und ächzt unter meinem Gewicht. Die Frau soll jetzt gehen, ich will keine Gesellschaft.
Aber sie lässt nicht locker. Sie rüttelt mich sanft an der Schulter und zwingt mich wortlos, sie anzusehen. Keiner von uns lächelt. Sie erinnert mich irgendwie an jemanden. An ein lange vergessenes Gesicht, ich kann es nicht zuordnen. Jetzt redet sie auf mich ein und gestikuliert wild mit den Armen. Ich verstehe nicht. Ich will nicht verstehen. Mit der Hand versuche ich, sie wegzuscheuchen, wie eine lästige Fliege.

Mit ihrem unnachahmbaren Akzent sagt sie nur ein Wort. Ich wiederhole es, ungläubig, auf Italienisch. Vielleicht habe ich sie falsch verstanden, oder sie wollte eigentlich ein anderes Vokabel verwenden. „Figlia?“, frage ich.
Sie nickt nur. Eine späte Vaterschaft.

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#36 Am Anfang ist der Zweifel

19. März 2011 at 13:26 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - lustig) (, , , , , )

An einem gewissen Punkt im Leben haben wir, davon bin ich überzeugt, alle einmal diese Fantasie: Was wäre, wenn das nicht meine leibliche Familie wäre. Adoptiert. Nach der Geburt vertauscht. Oder durch irgendeinen anderen Zufall in der falschen Familie gelandet.

Dieser Gedanke muss nichts mit Unzufriedenheit zu tun haben. Manchmal ist es nur dieses ungewisse Gefühl, nicht dazuzugehören. Anders zu sein. Dieses Gefühl überkam mich erst spät, ich war bereits 30 Jahre alt geworden, ohne jemals Zweifel über meine Herkunft gehegt zu haben. Aber dann brachen sie mit aller Heftigkeit über mich herein. Ein Auslöser ist für mich im Nachhinein jedoch relativ exakt auszumachen. Es war, als meine damalige Freundin darauf bestand, das Familienfotoalbum durchzublättern. Nach peinlichen Babyfotos, schrecklichem Kleidungsstil in der Volksschulzeit und beträchtlichen Hautproblemen im Teenageralter, brachte sie es endlich auf den Punkt. Außenseiter sind oft die schärfsten Beobachter.

„Eigentlich siehst du niemandem aus deiner Familie ähnlich.“ Nach einer halben Stunde von Körperbau-, Haar- und Augenfarbenvergleichen, sowie verzweifelter Suche meinerseits nach Ähnlichkeiten bei Nase, Fingern und Ohrläppchen konnte ich ihr Urteil nur bestätigen. Ich war anders.

„Ist ja nicht schlimm, so etwas kommt vor“, beruhigte mich die Ex und erfand eine haarsträubende Geschichte über die Großtante der Freundin einer Arbeitskollegin ihres Bruders (oder so), die auch niemandem ähnlich sah, aber bei der es gar keinen Zweifel gab, weil sie zuhause mit Hilfe einer Hebamme geboren worden war und gar nicht verwechselt werden hatte können (oder so). Also alles ganz normal (oder so).

Für mich war klar: Ein Vaterschaftstest musste her. Da ich aber bedauerlicherweise nicht so gut lügen konnte wie meine Ex-Freundin (oder so), schaffte ich es nicht, meinem Vater unauffällig eine Speichelprobe zu entlocken. Nun ja, er war erzürnt darüber, was mich plötzlich dazu brachte, die Familienverhältnisse zu hinterfragen und meine Mutter des Fremdgehens zu bezichtigen. Drei Monate kein Taschengeld. Dass ich das Argument aufgriff und im Sinne der Gleichbehandlung auch einen Mutterschaftstest einfordern wollte, machte die Sache nicht gerade besser.

Meine Mutter war in Tränen aufgelöst, als sie auch nur das Wort „Test“ hörte und fragte sofort, ob ich denn keine schöne Kindheit gehabt hätte. Natürlich machten mich ihre Worte noch misstrauischer. Wenn ich ihr eigen Fleisch und Blut war, gab es ja kein Problem damit, das auch durch einen Test zu beweisen, dachte ich trotzig.
Vermutlich wurde meine Wissbegier über meine biologischen Eltern noch dadurch verschärft, dass ich gerade an meiner Doktorarbeit schrieb und so gar keine Lust hatte, sie fertigzustellen. Ich wollte lieber etwas anderes erforschen, als das Paarungsverhalten von Tse-Tse-Fliegen: Meine Herkunft. Ich machte es zu meinem Projekt.

Meine Doktorarbeit ist mittlerweile fertiggeschrieben und das Rätsel um meine Herkunft geklärt. Im Endeffekt stellte sich jedoch heraus, dass das Paarungsverhalten von Tse-Tse-Fliegen bei Weitem spannender war, als die Aufdeckung der Identität meiner biologischen Eltern. Nach monatelanger Recherche rückten meine vergrämten Eltern, die den Schmerz überwanden, um mir jeden Vorwand zu nehmen, meine Doktorarbeit nicht fertigstellen zu müssen (was Eltern eben so für einen tun), mit ihrem Speichel heraus.

Das ernüchternde Resultat raubte mir jeden Funken von geheimnisumwobener Faszination, weswegen mich wohl auch meine Freundin verließ. Oder, weil ich einfach anders war.

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#33 Regentag

26. Januar 2011 at 19:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Regentropfen klatschten gegen die Scheibe als der Wind sich drehte. Das Wasser lief in kleinen Rinnsalen am Glas entlang, wand sich mal hierhin und mal dorthin. Der Regen prasselte auf das Pflaster. Es hörte sich an wie ein Trommelwirbel.

Ich zog die Beine aufs kalte Fensterbrett, winkelte sie an und legte den Kopf auf meine Knie. Ich schloss die Augen. Der Trommelwirbel war für mich. Auf meinem Pony ritt ich in die Manege und tosender Applaus wogte durch das Zirkuszelt. Ich fuhr dem kleinen Pferdchen durch die lange Mähne, in die bunte Strähnen geflochten waren, um es zu beruhigen. Es war unser erster Auftritt. Ich trug ein wunderschönes rot-goldenes Kostüm, das mit Perlen bestickt war. Ich ritt eine Runde bevor ich mit meinen Figuren begann. Ich stemmte mich mit einer Hand vom Rücken meines trabenden Ponys ab und streckte die Beine in die Luft, machte Sprünge und einen Salto, eine Übung an den Ringen, während das Pony weitertrabte und als es wieder unter mir war, landete ich graziös im Sattel. Die Menge jubelte, als ich mich zum Abschluss verneigte.

Ich hatte nicht gemerkt, wie eine Schwester ins Zimmer gekommen war. „Du verkühlst dich doch, wenn du da auf dem kalten Sims sitzt“, tadelte sie mich. Ich reagierte nicht und versuchte sie auszublenden. Sie nahm mich einfach hoch und trug mich ins Bett zurück, weg von meinem Trommelwirbel. Ich schloss die Augen, während sie weiter auf mich einredete und Fragen stellte. Schließlich gab sie auf und deckte mich zu.

Ich öffnete die Augen wieder und starrte die regennasse Scheibe an. Wenn ich mich lange genug fest darauf konzentrierte und die Augen zusammenkniff, war ich wieder im Auto, mit meiner Familie auf dem Weg nach Spanien. Die Schatten, die sich hinter der Scheibe bewegten, waren die anderen Autos.

Ich dachte an Spanien. Den Strand, der teils felsig und teils sandig war, und meine Familie, die sich auf farbenfrohen Badetüchern im Schatten vom Schwimmen erholte. Mama und Papa auf den großen Handtüchern und meine Schwester und ich auf kleineren dazwischen. Wir würden Karten spielen und Wassermelonen essen und uns für das abendliche Dinner im Restaurant fein zurecht machen. Wir würden spazieren gehen und lustige Andenken kaufen. Eine glückliche Familie.

Es klopfte und der Arzt kam herein. Ich stellte mich tot und ließ mir kein Wort entlocken. Ich stellte mir vor, dass er mich mit zu sich nach Hause nahm. Er hatte bestimmt viel Geld und eine schöne Villa mit Swimmingpool. Vielleicht war ja die hübsche Krankenschwester, die ihn bei der Visite begleitete seine Freundin, die in der luxuriösen Küche einen Kuchen für mich backen würde? Bestimmt würde ich ein Pony geschenkt bekommen und der Arzt würde mich mit seinem schwarzen Cabrio zu den Reitstunden bringen. Die anderen Mädchen würden staunen.

„Ich bin ganz alleine auf der Welt“, sagte ich und setzte dabei meinen Dackelblick auf. Der Arzt sah mich verdutzt an, das war sicher nicht die richtige Antwort auf seine Frage gewesen. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und fragte: „Kann ich bei dir wohnen?“
Jetzt lachte der Arzt freundlich und tätschelte mir die Wange. Wie ein Vater.

„Aber, aber“, sprach er beruhigend auf mich ein, „du bist doch nicht allein auf der Welt! Bald kannst du wieder bei deinen Eltern und deiner Schwester sein. Du wirst sehen, ihnen wird es im Nu besser gehen und wenn du deinen Verband hinunter bekommst, könnt ihr gemeinsam nach Hause!“
Damit ließ er mich wieder alleine in dem weißen, kalten Bett. Die Chancen, dass er mich jetzt noch adoptierte waren wohl gering. Wenn mir doch irgendjemand hier die Wahrheit sagen würde…

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Adventsgeschichte: Teil 24

24. Dezember 2010 at 13:01 (Adventsgeschichte) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen. Der 24. Abschnitt ist der letzte Teil. 

Drei Jahre später führte das Schicksal Jana und Marcel wieder zusammen. Es war der Vormittag des Heiligen Abends, an dem sie bei Fredrik im Greißlerladen zufällig aufeinandertrafen, als sie die letzten Lebensmittel fürs Weihnachtsfest besorgten. Sie hatten wegen dem Haus telefoniert, Jana wusste, dass Marcel und seine Mutter die Weihnachtsfeiertage zum ersten Mal seit dem Tod des Vaters wieder dort verbringen würden.

Sie schüttelten sich erfreut die Hände und blickten sich so tief in die Augen, dass Jana von ihrer Begleitung zwinkernd in den Arm gekniffen wurde. „Das ist Pedro“, stellte sie ihn entschuldigend vor. „Er ist letztes Jahr auf Besuch gekommen und dann hiergeblieben“, sagte sie und fuhr ihm liebevoll durch die Haare.

„Ich möchte dir auch jemanden vorstellen“, sagte Marcel lächelnd und trat mit ihr vor die Tür. Da stand eine blonde Frau mit einem ebenso blonden kleinen Mädchen auf dem Arm, das mit seinen rosa behandschuhten Fingerchen fasziniert nach einem Eiszapfen griff, der von der Regenrinne herunterwuchs. „Jana, das sind meine Frau Elizabeth und meine Tochter Anja.“

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#31 Jonas und ich

20. November 2010 at 14:48 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , , , )

Wie jeden Sonntag winkte ich dem roten Auto nach, in dem Jonas wieder in den Alltag zurückkehrte, bis es um die Ecke bog und verschwand. Ich fröstelte, es begann kalt zu werden und die Tage wurden immer kürzer. Ich zog die Weste enger um mich, nahm die Post aus dem Briefkasten und verschwand in meine kleine Wohnung.

Die Sonntage waren immer viel zu kurz. Es gab tausende Dinge, die ich Jonas beibringen und zeigen wollte, es gab so viel zu erforschen, das ihm nicht entgehen durfte. Die Sonntage waren der Lichtblick meiner Woche und die Besuche von Jonas der einzige regelmäßige soziale Kontakt, den ich pflegte. Jonas war mir wichtig, Jonas war schließlich mein Sohn.

Als er auf die Welt kam, hatte ich versprochen, dass alles anders werden würde. Ich würde weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Ich würde die Forschung erstmalig nicht den vordersten Platz auf meiner Prioritätenliste einnehmen lassen. Ich würde mit den Gedanken nicht mehr im Labor sein, wenn ich nach Hause kam, sondern ganz bei Jonas. Ich würde, ich würde… Natürlich kam es anders.

Es begann mit einem Experiment, das ich noch fertigstellen wollte, bevor ich mich endlich niederließ und häuslich wurde, so wie man das von Menschen in meinem Alter erwarten konnte. Das Experiment war vielversprechend und das Ergebnis umso mehr: Wir waren einen gewaltigen Schritt weiter in der Forschung zur Bekämpfung von Krebs. Wie hätte ich da aufhören können? Wie hätte ich meine jahrelangen Bemühungen an diesem Punkt in die Hände eines anderen Forschers legen können? Ich dachte, ich wäre so kurz vor dem Ziel und in ein, zwei oder auch drei Monaten würde ich die Hände in den Schoß legen können und das Familienleben genießen – nachdem ich ein Verfahren entwickelt hatte, um die bösartig wuchernden Krebszellen dauerhaft unschädlich zu machen.

Doch nach diesem wegweisenden Experiment ging es nur langsam voran. Ein Schritt nach vorne, zwei zurück, das schien das neue Muster zu sein, nachdem meine Forschung ablief. Aus Monaten wurden Jahre. Ich versäumte Jonas erste Schritte, seine ersten Worte und auch seine ersten Experimente (was passiert mit dem Goldfisch, wenn ich ihn im Klo runterspüle und ähnliche Versuche). Dann kamen die Scheidung und der Entzug des Sorgerechts. Was übrig blieb, waren die Sonntage. Die Sonntage, an denen ich versuchte, meinem mittlerweile siebenjährigen Sohn zu zeigen, was ich den Rest der Woche machte und warum ich nicht nach Hause kommen konnte, obwohl ich ihn liebte.

Ich kann nur hoffen, dass er eines Tages, wenn er älter ist, zurückblicken kann und sagt, dass seine Kindheit, obwohl er nicht beide Elternteile stets um sich hatte, gut war. Dass er die Sonntage genossen hat und vielleicht sogar, dass sie ihn dazu motiviert haben, selbst in die medizinische Forschung zu gehen. Und dass er stolz auf seine Mutter ist, die bis dahin hoffentlich einen Weg gefunden hat, die Menschheit von Krebs zu heilen.

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#23 Bilanz ziehen

16. Juli 2010 at 19:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Zwei Papierstapel türmten sich vor ihm auf dem Schreibtisch auf. Mit dem Zeigefinger fuhr er langsam an der Kante eines Stapels entlang, so dass die Blätter raschelten. Es war der erste Tag seiner Pensionierung – und was hatte er schon zu tun, außer sein Leben in Aktenmappen abzuheften?

Er nahm den obersten Zettel des linken Stapels in die Hand. Es war sein erster Arbeitsvertrag, den er unterschrieben hatte, vor vierzig Jahren, gleich nach dem Studium. Es war auch das Jahr, indem er mit Cécile zusammenzog. Endlich verdiente er eigenes Geld als Angestellter bei einem Steuerberater.
Cécile war etwas jünger als er, sie studierte noch und sie hatten das ganze letzte Jahr aufgeregt ihrer neuen Freiheit entgegengefiebert. Eine eigene Wohnung! Keine verschämte Stille, wenn sie wieder einmal spät in der Nacht ins Haus seiner Eltern zurückgekommen waren…

Lohnzettel und Kontoauszüge stapelten sich aufeinander. War die Miete für die Wohnung am Stadtrand wirklich so teuer gewesen? Die kleine Dreizimmerwohnung war tatsächlich sehr schön gewesen, in ruhiger Lage, mitten im Grünen. Perfekt für die Kinder, die sie eines Tages haben wollten.
Die Summen auf dem Lohnzettel wurden höher. Nein, die Beförderung hatte er noch nicht bekommen, das würde erst Jahre später passieren, wenn sein stets gereizter Chef in Pension gegangen war. Wie mochte dieser strenge Mann die neugewonnenen Unmengen an Zeit wohl gefüllt haben? Vielleicht hatte er sich ein Haus auf Mallorca gekauft und seine Tage damit verbracht, Mädchen am Strand beim Sonnen zuzusehen.

Hier, sein erster eigener Urlaubsantrag. Wie sehr hatten Cécile und er sich doch gefreut, endlich einmal Süditalien zu besuchen! Sie hatten nie Geld für teure Urlaube gehabt, aber jetzt wo er so fleißig arbeitete und gut verdiente, konnten sie sich diesen Luxus leisten. Überdies hatte er zwei Jahre ohne richtigen Urlaub durchgehalten, um die ärgsten Schulden zu tilgen. Cécile hatte mittlerweile ihr Studium beendet und es war in einem romantischen kleinen Hotelzimmer in Süditalien, in dem das erste Kind des Paares gezeugt wurde. Hoch und heilig hatte er in dieser Nacht versprochen, weniger zu arbeiten und sich ganz auf seine kleine Familie zu konzentrieren, wenn das Kind erst auf der Welt war.

Er fuhr damit fort, die Lohnzettel und Kontoauszüge zu lochen und in eine Mappe zu heften. Die Überstunden wurden nicht weniger.
Sechs Jahre dauerte es, bis Cécile zum ersten Mal aufbegehrte und ihm drohte, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht mehr Zeit für sie und die Kleine nahm. Er hatte die Abschlussfeier im Kindergarten versäumt, weil ein Kunde dringend einen Termin benötigte.
Céciles Vorwürfe blieben nicht ungehört. Der nächste Zettel war ein weiterer Urlaubsantrag. Eine Woche Spanien, ihre Tochter sollte zum ersten Mal das Meer sehen. Cécile war zur Versöhnung bereit und bald war das nächste Kind unterwegs ins Leben.

Er blätterte weiter. Tatsächlich, die Überstunden gingen zurück. Es war ja wirklich nicht so, dass er sich nicht bemüht hätte, für seine Familie da zu sein – aber es war einfach immer so viel zu tun, in der Arbeit…
Hier, mit 38, die lang ersehnte Beförderung! Er wurde zum Geschäftsführer der Steuerberaterkanzlei ernannt. Es war eine glorreiche Krönung seiner Verdienste gewesen, es gab Sekt und Brötchen, doch die Freude war nicht ungetrübt. Einmal mehr mahnte ihn Cécile, mehr Anteil am Familienleben zu nehmen. Die letzten Jahre war sie alleine mit den Mädchen auf Urlaub gefahren.
Das Leben verlief weiter in seinen gewohnten Bahnen. Erst musste er sich in seiner neuen Position einarbeiten, dann beweisen, dass er sie wirklich verdient hatte, dann neue Kunden anwerben… Er heftete und heftete sein Arbeitsleben in die zweite dicke schwarze Mappe.

Eines Tages, es war einige Zeit nach seinem 42. Geburtstag, gestand Cécile ihm, dass sie einen anderen Mann kennengelernt hatte. Einen, der tatsächlich Zeit für sie und die Kinder hatte. Von den Ausflügen am Wochenende, von denen die Kinder immer mit strahlenden Augen heimkamen, hatte ihr Ehemann gar nichts bemerkt.
Man konnte Cécile nicht vorwerfen, dass sie nicht geduldig gewesen wäre. Drei weitere Jahre erduldete sie den Spagat, den er zwischen Arbeit und Familie zu machen versuchte. Seine Töchter Renée und Éloise waren inzwischen 11 und 18 Jahre alt und Cécile stellte ihn vor eine endgültige Entscheidung.

Ein Kündigungsschreiben. Dann ein Scheidungsantrag. Was hatte der hier verloren? Das war schließlich die gesammelte Dokumentation seines Arbeitslebens. Die privaten Dokumente hatte er anderswo aufgehoben.
Cécile hatte sich also von ihm scheiden lassen, kurz nachdem er seinen Job in Top-Position gekündigt hatte. Als sie dann Zeit füreinander hatten, merkten sie, dass sie einander nichts mehr zu sagen hatten. Wie das Leben so spielt. Gleich darauf ein neuer Arbeitsvertrag – Beschäftigungstherapie, bloß nicht nachdenken.

Er hörte auf, sein Leben in die zweite schwarze Mappe zu heften und warf den ganzen Krempel in die Altpapiertonne vor der Tür. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer, die er schon viel zu lange nicht mehr gewählt hatte. Wenn jetzt nicht Zeit war, etwas zu verändern, wann dann?
Er wünschte, er hätte sich schon früher Zeit dafür genommen. Er konnte die Vergangenheit nicht ändern, aber er wusste, was er in Zukunft tun würde:
„Renée, darf ich euch heute Abend besuchen kommen? Ich habe Antoine und die Kinder schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen… Soll ich den Kleinen vielleicht ein Bilderbuch mitbringen?“

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#21 Flashback

2. Juni 2010 at 20:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Das Kind weinte. Was sollte ich tun? Was hatte mein Vater immer getan, wenn ich als Kind geweint hatte? Er hatte mir Schokolade gegeben, als Ablenkung. Ich war ein dickliches kleines Mädchen gewesen. Seither aß ich immer Schokolade wenn ich traurig war. Aber genau heute hatte ich keine dabei.
Das Kind schluchzte laut auf.
„Schhh…“, machte ich und hockte mich wieder neben dem Mädchen auf den nassen Asphalt. „Schhh…“

Das Weinen hörte auf. Das Kind hielt inne, starrte mich verständnislos an, bevor es wieder losplärrte. Jetzt wusste ich wieder, warum ich keine eigenen Kinder haben wollte.
Ich stupste das Kind sanft an und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken – es sollte nicht dauernd zum Unfallsort schauen müssen. Das Kind drehte sich nur noch weiter weg von mir. Es sah heulend den Feuerwehr- und Rettungsmännern bei der Arbeit zu. Warum hatten sie mich mit dem Kind alleine gelassen? Ich hatte doch gar keine Ahnung von Kindern…

„Wie heißt du?“, versuchte ich mit der Kleinen ins Gespräch zu kommen.
„Lara“, schniefte sie.
„Möchtest du deinen Papa anrufen, Lara?“, fragte ich sie freundlich. Ich hielt mein Handy, mit dem ich vorhin die Rettung verständigt hatte, immer noch in der Hand und streckte es ihr nun entgegen.
„Ich habe keinen Papa“, brachte sie keuchend hervor. Auch das noch.
„Willst du vielleicht mit deinen Großeltern reden? Hast du ältere Geschwister, Tanten, Onkel?“, fragte ich, während die Verzweiflung langsam in mir hochstieg, während sie unentwegt den Kopf schüttelte. Sie zog lautstark auf, bevor sie „hab ich nicht“ murmelte.

Ich spürte, wie meine Augen begannen, feucht zu werden. Ich hatte immer gedacht, ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt, mit nur einer einzigen Bezugsperson, die noch dazu ziemlich ungeschickt im Umgang mit Kindern war. Aber dieses Mädchen hier hatte auf einen Schlag alles verloren.
Ich sah verschwommen vor meinem inneren Auge eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar und ebenso strenger Stimme. „Sollen wir sie mitnehmen?“, fragte sie meinen Vater. „Wir suchen eine neue Familie für sie.“ Mein Vater schüttelte langsam den Kopf und schickte die Frau von der Fürsorge weg. Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn sie mich damals mitgenommen hätte? Vielleicht hätte ich eine liebevolle neue Mami gehabt, einen Papi der mich zum Ponyreiten brachte und eine herzige Babyschwester. Vielleicht hätte ich aber auch immerzu Geschirr abwaschen und auf meine schlimmen kleinen Geschwister aufpassen müssen. Ich war froh, dass ich bei meinem Vater bleiben hatte dürfen, in der gewohnten Umgebung, auch wenn Papa sich nach Mamas Tod in einen stillen, traurigen und apathischen Mann verwandelt hatte, der mir kaum den nötigen Trost und Halt schenken konnte.

Endlich kam ein Sanitäter zu uns am Straßenrand kauernden einsamen Gestalten herüber. Er stellte mir einige Fragen und ich beschrieb ihm, was ich gesehen hatte, sagte, was ich wusste. Lara schwieg neben mir, wiegte ihren kleinen Körper hin und her und drückte ihre Hände gegen den kalten Asphalt. Flüsternd erklärte ich dem Sanitäter, dass das Mädchen jetzt anscheinend niemanden mehr hatte.
„Sollen wir mal schauen, ob wir im Auto noch einen Lutscher finden?“, fragte der junge Mann Lara freundlich und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Sie warf mir einen langen Blick zu, nahm seine Hand und ließ sich von ihm mitziehen. Ich blieb am Straßenrand hocken und sah zu, wie die beiden langsam durch den Nieselregen auf den bereitstehenden Rettungswagen zu gingen. Auf halbem Weg drehte sich Lara um und warf mir einen letzten Blick zu.

Es war dieser Blick, dieser verwirrte und hilflose Blick, der mich so sehr daran erinnerte, wie ich mich damals gefühlt hatte, der mich aus meiner Erstarrung aufweckte. Wenn es jemanden gab, der wissen musste, was man sich als Kind wünschte, wenn man eben seine Mutter verloren hatte, dann war ich es.

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#20 Der letzte Zug

20. Mai 2010 at 15:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Seit ich mich erinnern konnte, wohnten wir in einem kleinen Häuschen direkt neben dem Bahnhof. Wir waren dort hingezogen, weil mein Vater bei der Bahn arbeitete. Er war dafür verantwortlich, dass aus den Schloten der Züge so schöner schwarzer Rauch herausqualmte. Er schaufelte die Kohlen.
Das Rattern der Züge bestimmte Mamas und meinen Alltag. Jede Stunde hielt ein Zug oder fuhr los. Das Puffen und Pfeifen der alten Züge gefiel mir, es beruhigte mich in seiner Regelmäßigkeit und wiegte mich nachts wieder in den Schlaf, wenn ich schlecht geträumt hatte.

Im Sommer stand ich oft in meinem Sommerkleidchen am Zaun und wartete, bis mein Vater nach Hause kam. Währenddessen winkte ich den Städtern, die in unseren Ort auf Sommerfrische kamen. Manchmal kamen sie heran um mich zu begrüßen, viele redeten in fremdländischen Sprachen mit mir. Ab und zu bekam ich Schokolade oder Bonbons von den Sommergästen zugesteckt.

An meinem siebten Geburtstag verrieten Mama und Papa mir, dass Mama ein Kind erwartete. Ich durfte an ihrem Bauch fühlen, wie es trat und sich bewegte.
Papa war die letzten Jahre kaum zuhause gewesen, er hatte oft gearbeitet, manchmal war er tagelang nicht von seinen Reisen zurückgekehrt. Als das Baby da war, wurde alles anders. Etwas stimmte nicht mit ihm. Es sei krank und könnte sich nicht richtig bewegen, vielleicht niemals gehen, erklärten meine Eltern mir.
Papa war fortan öfter zuhause. Er spielte mit dem kleinen Mädchen, das immer lustig mit den Augen rollte. Ich war traurig. Mit mir hatte Papa nie so viel gespielt. Ich blieb draußen und winkte den Zügen nach.

Meine Schwester und ich wuchsen heran. Nicht nur mit ihrem Körper war etwas falsch, auch ihr Kopf funktionierte nicht richtig, sagte mir Papa. Er verbrachte viel Zeit mit ihr. Er wollte sie wieder gesund machen, mit ihr gehen und reden üben, sagte mein Vater verzweifelt. Mein Vater hatte auf seinen Reisen viel gehört, schlimme Dinge. Er wollte nicht mit uns darüber reden, nicht einmal mit Mama. Er sagte nur, er müsste meine Schwester gesund machen, bevor es zu spät war. Ich war nicht mehr eifersüchtig auf sie.

Der darauffolgende Sommer war seltsam. Statt den fröhlichen Sommerfrischlern blickten verängstigte Menschen aus den Zügen. Sie standen dicht an dicht in zerlumpten Kleidern nebeneinander. Die Züge hielten für gewöhnlich nicht mehr, sondern fuhren durch die Station. Ich winkte, manche winkten verzagt zurück, doch niemand schien sich wirklich zu freuen, Zugfahren zu dürfen.

Eines Morgens flatterte ein Brief in unser Haus. Darin stand, dass meine kleine Schwester in ein Krankenhaus fahren sollte, wo ihr geholfen werden konnte. Mein Vater wurde kreidebleich. Ich verstand nicht, was er hatte – ich hielt das mit meinen elf Jahren für eine gute Idee. Die Ärzte würden ihr vielleicht helfen können. Aber mein Vater weigerte sich, sie gehen zu lassen. Tage späte klopfte es an unsere Tür. Mama öffnete, ich war gleich hinter ihr. Ich war neugierig, denn wir bekamen nur selten Besuch.

Zwei Männer standen da und lächelten nicht. Sie kämen um meine kleine Schwester jetzt abzuholen, für die Kur im Krankenhaus. Mama zitterte. Das Zittern war auch in ihrer Stimme, als sie meinen Vater rief. Er kam, mit seiner Tochter auf dem Arm. Sie rollte lustig mit den Augen.
„Ist das denn wirklich notwendig?“, flehte mein Vater und drückte sein Kind fest an sich. „Sehen Sie sie doch an, sie tut keiner Fliege etwas zuleide…“
„Aber sie ist krank“, gab einer der Männer harsch zurück und streckte die Hand nach dem kleinen Mädchen aus. Mama schluchzte in ihre Schürze hinein.

„Wenn sie gehen muss, gehe ich mit ihr“, erwiderte mein Vater mit fester Stimme.
„Das ist eine Dummheit“, gab der zweite Mann zurück. Ohne ein weiteres Wort zu den Männern beugte sich mein Vater zu meiner Mutter herunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er flüsterte ihr beruhigende und entschuldigende Worte zu.
Dann strich er mir sanft übers Haar und sagte: „Pass gut auf deine Mama auf.“
Ich lief ihm bis zum Zaun nach, sah, wie er aufrecht und würdevoll in den wartenden Zug stieg, der zum ersten Mal seit langem in der Station hielt. Darin saßen die traurigen Menschen. Papa winkte, während eine Träne seine Wange hinunterrollte. Meine kleine Schwester hielt er sicher auf dem Arm.

Er winkte. Ich winkte zurück, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte, über die Schienen losratterte, einem unbekannten Ziel zu. Ich winkte und winkte immer noch, als der Zug längst verschwunden war. Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater und meine Schwester sah. Züge sah ich noch viele, doch ich winkte nicht mehr.
Der letzte Zug war abgefahren.

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