Weihnachtsmärchen (2013)

29. Dezember 2014 at 17:57 (Weihnachtsmärchen) (, , , , , , , , )

Spät, aber doch: Die Vollversion des im Advent 2013 veröffentlichten 24-teiligen Weihnachtsmärchens.

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Igor hasste die Vorweihnachtszeit seit er sich zurückerinnern konnte. Mit seinen sechs Jahren konnte er sich noch nicht besonders weit zurückerinnern. Die letzten zwei Jahre waren halbwegs klar in seinem Gedächtnis, das Jahr davor wurde zunehmend schemenhafter, bis nur noch einige Erinnerungsfetzen von seiner frühesten Kindheit vor seinem inneren Auge auftauchten. Er hasste es, wenn die Nächte länger wurden, er hasste es, Kindern mit strahlenden Augen auf den Weihnachtsmärkten zu begegnen und er hasste es, Eltern beim Geschenkekauf zu beobachten.

Trotzdem konnte Igor seine Blicke nicht abwenden, wenn er mit den anderen Kindern und Betreuerinnen draußen war. Sie durften zusehen, wie andere Altersgenossen ihren Spaß hatten, mit kleinen Geschenken und süßen Leckereien überhäuft wurden, aber dass sie selbst etwas bekamen, war ausgeschlossen. Das Kinderheim konnte es sich gerade einmal leisten, zu Weihnachten einen winzigen Christbaum – einen jener schief gewachsenen mit dünnen Zweigen und wenigen Nadeln, für die die Verkäufer fast kein Geld verlangen konnten – aufzustellen und jedem Kind eine kleine Tafel Schokolade zu schenken.

Letztes Jahr hatte Igors Schokolade bis in den Februar hinein gehalten. Jeden Tag hatte er seine Zunge an die Tafel gehalten und bis fünf gezählt. Dann hatte er die Schokolade wieder eingepackt und die Prozedur am nächsten Tag wiederholt, und am nächsten, und am nächsten. Bis die Schokolade im Februar dann weg war.

Igor hatte ein schlechtes Jahr gehabt. Im März hatte ihn ein junges Paar zu sich geholt. Seine traurigen Augen und seine stets gerunzelte Stirn, die sein nachdenkliches Gemüt widerspiegelte, fand das Pärchen einfach nur entzückend. Seine neuen Eltern verhätschelten ihn, er bekam ein eigenes Zimmer, eigene Spielsachen und wurde im Kindergarten angemeldet. Endlich sollte der arme Junge ein normales Leben haben und glücklich sein.

Igor war nicht glücklich. Und Igor machte seine Eltern nicht glücklich, was in diesem Fall schlimmer war als sein eigenes Unglück. Denn wer es nicht schaffte, ein kleiner Sonnenschein zu sein und die neuen Eltern von sich zu überzeugen, landete bald wieder im Heim. Es war ein knochenharter Job, ein gutes Pflegekind zu sein. Man durfte sich keine Seltsamkeiten erlauben, man durfte seinen „Rettern“ gegenüber nicht undankbar sein, man musste ihnen zeigen, wie sehr man sie dafür liebte, dass sie einen vom Heimleben erlöst hatten.

„Er lacht nie. Ich habe ihn noch kein einziges Mal lachen gehört. Er schmunzelt nicht mal“, hörte er seine neue Mutter eines Nachts vor seiner Tür seufzen. „Immer wenn ich ihn ansehe, ist sein Blick leer… Das erinnert mich noch mehr daran, dass wir keine eigenen Kinder haben können.“ „Ich weiß, Schatz“, murmelte sein bald-nicht-mehr-Vater, „er ist ein eigenartiges Kind. Er braucht eine Familie, die schon mehr Erfahrung hat, die weiß, wie man mit solchen schwierigen Kindern umgeht…“ Igor konnte in jener Nacht nicht schlafen.

Am nächsten Morgen, es war ein Tag im frühen April, weinte die Frau, als sie sich vor dem Kindergarten von ihm verabschiedete. Sie drückte ihm eine kleine Tasche mit seinen Habseligkeiten und ein paar der neuen Spielsachen in die Hand und schluchzte: „Igor, es tut mir so leid… Aber wir können dich nicht bei uns behalten… Deine Betreuerin wird dich heute nach dem Kindergarten abholen.“

Igor weinte nicht. Igor weinte nie. Er hatte es sich abgewöhnt, weil es keinen Sinn hatte, zu weinen. Er bekam nie das, was er wollte – egal ob er deswegen einen Aufstand machte, oder nicht. Und zu weinen kostete Kraft. Er nickte nur, drehte sich um und verbrachte seinen letzten Tag in dem Kindergarten im besten Bezirk der Stadt, in dem nur wohlhabende Unternehmer, zu Reichtum gekommene Künstler und überbezahlte Politiker wohnten.

Die Betreuerin streichelte Igor über den Kopf, als sie ihn abholte. Sie sagte ein paar mitleidige Worte, redete über zu junge Paare, die noch keine Verantwortung übernehmen konnten. Sie fragte Igor nicht, was passiert war. Sie hatte in den letzten Jahren Igors Gemüt schon zu gut durchschaut, als dass sie sich noch wunderte, wenn wieder ein Vermittlungsversuch nicht gelang.

Es folgten lange Monate, in denen Igor das Kommen und Gehen von sieben anderen Kindern miterlebte. Katrina stellte den diesjährigen Rekord auf: Sie war nur zwei Tage im Heim gewesen, bevor sie neue Eltern fand. Auch Igors neuer bester Freund, Boris, blieb ihm nur einen Monat lang erhalten. Der Juli, den er mit Boris teilte, war der schönste Monat in seinem bisherigen Leben.

Und Boris war der erste Mensch, dem er erzählte, was mit seinen Eltern passiert war. Zwischen dem Mittagessen (Konservendosengulasch) und dem Fußballspielen (Konservendosenfußball) streckten sich die beiden Jungen gerne auf dem kleinen Fleckchen Gras aus, das nicht von hohen Häusern oder Bäumen überschattet war und redeten. Boris hatte damit angefangen. Eines Tages erzählte er dem stillen Igor aus heiterem Himmel ein Geheimnis.

Igor hatte bis dahin kein einziges Wort mit Boris gewechselt. Igor redete so wenig wie möglich, denn er mochte seine leise, heisere Stimme nicht. Und auch nicht die lauten Stimmen der anderen Kinder, die unaufhörlich mit neuen Worten um sich warfen. Doch er konnte nicht widerstehen nachzufragen, als Boris ihm erzählte, dass er der Urgroßenkel eines russischen Prinzen war.

Tagelang verbrachte Igor damit, jedes kleinste Detail aus Boris herauszukitzeln, das er über seinen Urgroßvater wusste. Doch irgendwann wollte Boris eine Gegenleistung dafür, dass Igor ihm Löcher in den Bauch fragte. Er wollte auch ein Geheimnis hören. Und da Igor nichts Besseres einfiel, erzählte er Boris das Wenige, das er über seine Eltern wusste – wie sie gestorben waren.

Igor selbst war erst drei Jahre alt gewesen, darum war seine Erinnerung nur sehr schemenhaft. Er konnte sich an den hellen Lichtblitz erinnern, das Schreien seiner Mutter, den verzweifelten Versuch seines Vaters, ihr zu helfen. Und dann wurde seine Erinnerung von Nebel verschlungen, von denselben nebeligen Rauchschwaden, die ihn fast selbst das Leben gekostet hätten, wenn nicht der Nachbar rechtzeitig die Feuerwehr gerufen hätte.

Drei Wochen nach Igors Geständnis war Boris fort. Igor hatte versucht, Boris‘ Verhalten zu analysieren, als das ältere Pärchen im Heim auftauchte. Aber er konnte es nicht verstehen. Boris und er, sie waren doch beste Freunde – warum würde er dann das Kinderheim verlassen wollen? Nein, es machte einfach keinen Sinn, dass Boris sanft wie ein Lämmchen und so aufmerksam wie der übereifrigste Diener geworden war, als das Paar das Heim betrat.

Höflich schüttelte er beiden die Hände, ließ sich vom Herren den Hut reichen und von der Dame den Schal und legte beides ordentlich auf den Sessel im Flur. Natürlich war er nicht der Einzige, der sich um die neuen vielleicht-bald-Eltern scharte, aber Igor, Alexander und Nadia konnten Boris nicht das Wasser reichen. Boris wusste, wie man sich verkaufen musste.

Als klar war, dass Boris neue Eltern gefunden hatte, brach für Igor eine Welt zusammen. Er hatte noch nie einen Freund gehabt – und nun wurde ihm dieser einzige Trost im grauen Alltag auch noch genommen. „Wirst du mich besuchen kommen?“, fragte er Boris, während dieser zum letzten Mal sein Bett im Schlafraum machte. „Ich verspreche es dir, so wahr ich der Urgroßenkel eines Prinzen bin!“, antwortete dieser und boxte Igor leicht in die knochige Schulter.

Der August brach an und der September zog vorüber, der Oktober brachte den ersten Schneefall und der November ließ die Fensterscheiben im Wind klirren. Nun war der Dezember bereits halb vorüber – und kein Lebenszeichen von Boris. Mit jedem Tag, an dem es nicht an der schweren Eingangstüre klopfte und ein dunkelhaariger, für sein Alter groß gewachsener, fröhlicher Junge hereinmarschierte, wurde Igor trauriger.

Nach zwei Monaten war er soweit, dass er morgens nicht mehr von selbst aufstand. Die Betreuerin musste ihn aus dem Bett heben und anziehen, zum Essen zwingen und ihm abends die Zähne putzen und ihn wieder ins Bett bringen. Wenn Leute kamen, die jemanden adoptieren wollten, zog er sich in den Schlafraum zurück und war nicht dazu zu bewegen, sich bei den Interessenten vorzustellen.

Wenn die Betreuerinnen Igor nicht schon seit drei Jahren gekannt hätten, hätten sie ihn vermutlich in eine Anstalt gebracht, in der seine Antriebslosigkeit nicht geduldet worden wäre. Doch sie wussten, dass sein zarter Charakter daran zerbrechen würde. Und so ließen sie ihm die Sonderbehandlung gerne zukommen, auch wenn sie keine Hoffnung hatten, dass er jemals wieder fröhlicher werden könnte.

Nun, da Weihnachten schon fast vor der Tür stand, war Igors Leid besonders groß. All die glücklichen Kinder draußen erinnerten ihn an Boris, der jetzt ein besseres Leben führte und seinen alten Freund und Vertrauten, Igor, darüber ganz vergessen hatte. Wie hatte er nur den großen Fehler machen können, sich überhaupt auf diese Freundschaft einzulassen? Er hätte doch wissen müssen, dass diese ihm auf lange Sicht nur Enttäuschung bringen würde.

Am Morgen des Heiligen Abends hatte Igors Hadern mit dem Schicksal ein Ende. Eine der Betreuerinnen hatte morgens ein Päckchen vor der Haustür gefunden. Ein Päckchen, auf dem in feinen Lettern „Igor“ geschrieben stand. Und darunter: „Sofort öffnen“. Igor staunte nicht schlecht, als er zum ersten Mal in seinem Leben ein richtiges Weihnachtspaket aufreißen durfte.

Im Päckchen war ein Buch mit viel Schrift, die Igor noch nicht lesen konnte, aber auch mit vielen Bildern. Sofort erkannte er, dass es ein Buch über russische Prinzen war. Und plötzlich war der Wandel vollzogen: Er hüpfte quer durchs Zimmer und jubilierte, drückte das Buch fest an seine Brust und platzte fast vor Freude. Bis es an der Tür klingelte. Igor erstarrte. Und dann rannte er zur Tür und riss sie auf.

Er rieb sich die Augen und kniff sich in die zarten Ärmchen, doch egal was er tat, Boris verschwand nicht von der Türschwelle – er war nicht eingebildet. Erst als er sich dessen versichert hatte, fiel er Boris um den Hals und konnte nicht mehr aufhören zu lachen, was dessen Eltern erfreut aus ein paar Schritten Entfernung betrachteten.
„Boris hatte recht, Igor kann wirklich fröhlich sein, wenn er nur einen Grund dazu hat“, hörte Igor Boris‘ Mutter flüstern. „Ich wollte schon immer zwei Söhne haben“, flüsterte der Vater zurück und zwinkerte dem erneut erstarrten Igor verschmitzt zu.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 10

10. Dezember 2014 at 06:03 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , )

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Nach tagelanger beschwerlicher Reise durch das melodisische Gebirge erreichte der Prinz endlich die Behausung des Drachen Kasimir. „Kasimir, ich bin es, Prinz Nikolaus Rupert!“, brüllte der Thronfolger dem Ungetüm entgegen und seine Stimme schallte als Echo tausendfach zu ihm zurück. „Tritt ein“, hörte er Kasimir alsbald als Antwort schnauben.
Die beiden begrüßten einander freundlich – seit der Prinz einmal den Drachen für eine Prinzessin schwer verletzt hatte, sich dann aber gegen die holde Maid entschieden hatte und stattdessen zurückgekehrt war, um die Wunden des Drachen zu pflegen, verband Prinz Nikolaus Rupert und Kasimir eine tiefe Freundschaft. „Wie kann ich dir heute helfen?“, fragte Kasimir seinen Freund, während er schmunzelnd seinen Schweif mit der fehlenden Spitze anmutig wie eine Katze um seinen liegenden Körper schlang.

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Weihnachtsmärchen: Teil 24

24. Dezember 2013 at 05:50 (Weihnachtsmärchen) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Er rieb sich die Augen und kniff sich in die zarten Ärmchen, doch egal was er tat, Boris verschwand nicht von der Türschwelle – er war nicht eingebildet. Erst als er sich dessen versichert hatte, fiel er Boris um den Hals und konnte nicht mehr aufhören zu lachen, was dessen Eltern erfreut aus ein paar Schritten Entfernung betrachteten.
„Boris hatte recht, Igor kann wirklich fröhlich sein, wenn er nur einen Grund dazu hat“, hörte Igor Boris‘ Mutter flüstern. „Ich wollte schon immer zwei Söhne haben“, flüsterte der Vater zurück und zwinkerte dem erneut erstarrten Igor verschmitzt zu.

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Weihnachtsmärchen: Teil 21

21. Dezember 2013 at 06:24 (Weihnachtsmärchen) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Nun, da Weihnachten schon fast vor der Tür stand, war Igors Leid besonders groß. All die glücklichen Kinder draußen erinnerten ihn an Boris, der jetzt ein besseres Leben führte und seinen alten Freund und Vertrauten, Igor, darüber ganz vergessen hatte. Wie hatte er nur den großen Fehler machen können, sich überhaupt auf diese Freundschaft einzulassen? Er hätte doch wissen müssen, dass diese ihm auf lange Sicht nur Enttäuschung bringen würde.

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Weihnachtsmärchen: Teil 18

18. Dezember 2013 at 06:20 (Weihnachtsmärchen) (, , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Der August brach an und der September zog vorüber, der Oktober brachte den ersten Schneefall und der November ließ die Fensterscheiben im Wind klirren. Nun war der Dezember bereits halb vorüber – und kein Lebenszeichen von Boris. Mit jedem Tag, an dem es nicht an der schweren Eingangstüre klopfte und ein dunkelhaariger, für sein Alter groß gewachsener, fröhlicher Junge hereinmarschierte, wurde Igor trauriger.

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#26 Für immer jung

3. September 2010 at 14:38 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Pippi!“, rief ich in die Stille des großen Hauses hinein, während ich die Eingangstür hinter mir zuzog. „Wo bist du?“
Ich hörte es leise im Wandschrank kichern und sah durch einen Spalt, wie Leni zwischen Jacken und Mänteln kauerte und sich in die Faust biss, um nicht laut loszuprusten.
„Hmm… Hier ist sie nicht, ich werde sie mal in ihrem Zimmer suchen gehen“, verkündete ich lautstark und trampelte die Treppe hinauf, damit sie wusste, dass sie aus ihrem Versteck kommen konnte.

„Wo ist denn bloß die Pippi?“, wunderte ich mich, als ich ihr farbenfroh dekoriertes Zimmer wieder verließ. Langsam trottete ich die Stiegen wieder hinunter ins Vorzimmer, schaute mal links, mal rechts, bloß nicht geradeaus.
„Dann werde ich wohl wieder gehen, wenn sie nicht da ist…“, überlegte ich laut und war schon fast bei der Tür angekommen, als Leni, die auf der Türmatte gesessen hatte, plötzlich vor mir aufsprang. Ich griff mir ans Herz und tat so, als hätte ich mich fürchterlich erschrocken, bevor ich Leni umarmte und ganz kurz hochhob.
Das alles gehörte zu unserem kleinen Ritual, das sich jeden Donnerstag, wenn ich sie nach der Arbeit besuchen kam, abspielte. Es war mit den Jahren immer schwieriger geworden, sie zu übersehen und mit dem Hochheben hatte ich auch zunehmend Probleme.

Leni nahm mich an der Hand und zog mich in die Küche. Ihre Mutter saß am Küchentisch, wo sie stets ihre Kreuzworträtsel löste und begrüßte mich freundlich.
„Na Mädels, wollt ihr einen Kakao und Kekse?“, bot sie uns an.
„Jaa!“, rief Leni und klatschte in die Hände. Sie holte ihre zwei Lieblingstassen für uns aus dem Schrank, eine mit Winnie the Pooh darauf, die andere zeigte Pippi Langstrumpf.
„Sie hat heute kein Mittagsschläfchen gemacht, es kann sein, dass sie schnell müde wird“, warnte mich ihre Mutter unterdessen leise.

„Und was willst du heute machen?“, fragte ich Leni, während ich vorsichtig das Tablett mit Kakao und Keksen über die Stiegen und hinauf in ihr Kinderzimmer trug.
„Liest du mir vor?“, fragte sie und holte schon ihr Lieblingsbuch aus dem Regal. Pippi Langstrumpf. Ihre Vorliebe für das freche Mädchen mit den rot-orangen Haaren war nicht der einzige Grund, warum wir sie Pippi nannten.

Wir machten es uns auf ihrem großen Bett gemütlich und sie legte den Kopf in meinen Schoß, ihr Lieblingsplüschtier, ein Pferd wie das von Pippi Langstrumpf, im Arm. Ich begann zu lesen und gemeinsam schauten wir die Bilder an, so lange, bis Leni langsam die Augen zufielen.

Ich betrachtete ihr hübsches Gesicht, während sie friedlich schlummerte. Sie war eine gutaussehende junge Frau geworden, in den letzten dreiundzwanzig Jahren. Wir kannten uns praktisch seit unserer Geburt, doch sie war auf dem geistigen Niveau einer Sechsjährigen steckengeblieben.
„Gute Nacht, Pippi“, flüsterte ich, als ich ihre Kuscheldecke über ihren erwachsenen Körper zog und an den Seiten feststeckte, bevor ich das Licht löschte und meine große kleine Freundin schlafen ließ.

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