Weihnachtsmärchen (2013)

29. Dezember 2014 at 17:57 (Weihnachtsmärchen) (, , , , , , , , )

Spät, aber doch: Die Vollversion des im Advent 2013 veröffentlichten 24-teiligen Weihnachtsmärchens.

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Igor hasste die Vorweihnachtszeit seit er sich zurückerinnern konnte. Mit seinen sechs Jahren konnte er sich noch nicht besonders weit zurückerinnern. Die letzten zwei Jahre waren halbwegs klar in seinem Gedächtnis, das Jahr davor wurde zunehmend schemenhafter, bis nur noch einige Erinnerungsfetzen von seiner frühesten Kindheit vor seinem inneren Auge auftauchten. Er hasste es, wenn die Nächte länger wurden, er hasste es, Kindern mit strahlenden Augen auf den Weihnachtsmärkten zu begegnen und er hasste es, Eltern beim Geschenkekauf zu beobachten.

Trotzdem konnte Igor seine Blicke nicht abwenden, wenn er mit den anderen Kindern und Betreuerinnen draußen war. Sie durften zusehen, wie andere Altersgenossen ihren Spaß hatten, mit kleinen Geschenken und süßen Leckereien überhäuft wurden, aber dass sie selbst etwas bekamen, war ausgeschlossen. Das Kinderheim konnte es sich gerade einmal leisten, zu Weihnachten einen winzigen Christbaum – einen jener schief gewachsenen mit dünnen Zweigen und wenigen Nadeln, für die die Verkäufer fast kein Geld verlangen konnten – aufzustellen und jedem Kind eine kleine Tafel Schokolade zu schenken.

Letztes Jahr hatte Igors Schokolade bis in den Februar hinein gehalten. Jeden Tag hatte er seine Zunge an die Tafel gehalten und bis fünf gezählt. Dann hatte er die Schokolade wieder eingepackt und die Prozedur am nächsten Tag wiederholt, und am nächsten, und am nächsten. Bis die Schokolade im Februar dann weg war.

Igor hatte ein schlechtes Jahr gehabt. Im März hatte ihn ein junges Paar zu sich geholt. Seine traurigen Augen und seine stets gerunzelte Stirn, die sein nachdenkliches Gemüt widerspiegelte, fand das Pärchen einfach nur entzückend. Seine neuen Eltern verhätschelten ihn, er bekam ein eigenes Zimmer, eigene Spielsachen und wurde im Kindergarten angemeldet. Endlich sollte der arme Junge ein normales Leben haben und glücklich sein.

Igor war nicht glücklich. Und Igor machte seine Eltern nicht glücklich, was in diesem Fall schlimmer war als sein eigenes Unglück. Denn wer es nicht schaffte, ein kleiner Sonnenschein zu sein und die neuen Eltern von sich zu überzeugen, landete bald wieder im Heim. Es war ein knochenharter Job, ein gutes Pflegekind zu sein. Man durfte sich keine Seltsamkeiten erlauben, man durfte seinen „Rettern“ gegenüber nicht undankbar sein, man musste ihnen zeigen, wie sehr man sie dafür liebte, dass sie einen vom Heimleben erlöst hatten.

„Er lacht nie. Ich habe ihn noch kein einziges Mal lachen gehört. Er schmunzelt nicht mal“, hörte er seine neue Mutter eines Nachts vor seiner Tür seufzen. „Immer wenn ich ihn ansehe, ist sein Blick leer… Das erinnert mich noch mehr daran, dass wir keine eigenen Kinder haben können.“ „Ich weiß, Schatz“, murmelte sein bald-nicht-mehr-Vater, „er ist ein eigenartiges Kind. Er braucht eine Familie, die schon mehr Erfahrung hat, die weiß, wie man mit solchen schwierigen Kindern umgeht…“ Igor konnte in jener Nacht nicht schlafen.

Am nächsten Morgen, es war ein Tag im frühen April, weinte die Frau, als sie sich vor dem Kindergarten von ihm verabschiedete. Sie drückte ihm eine kleine Tasche mit seinen Habseligkeiten und ein paar der neuen Spielsachen in die Hand und schluchzte: „Igor, es tut mir so leid… Aber wir können dich nicht bei uns behalten… Deine Betreuerin wird dich heute nach dem Kindergarten abholen.“

Igor weinte nicht. Igor weinte nie. Er hatte es sich abgewöhnt, weil es keinen Sinn hatte, zu weinen. Er bekam nie das, was er wollte – egal ob er deswegen einen Aufstand machte, oder nicht. Und zu weinen kostete Kraft. Er nickte nur, drehte sich um und verbrachte seinen letzten Tag in dem Kindergarten im besten Bezirk der Stadt, in dem nur wohlhabende Unternehmer, zu Reichtum gekommene Künstler und überbezahlte Politiker wohnten.

Die Betreuerin streichelte Igor über den Kopf, als sie ihn abholte. Sie sagte ein paar mitleidige Worte, redete über zu junge Paare, die noch keine Verantwortung übernehmen konnten. Sie fragte Igor nicht, was passiert war. Sie hatte in den letzten Jahren Igors Gemüt schon zu gut durchschaut, als dass sie sich noch wunderte, wenn wieder ein Vermittlungsversuch nicht gelang.

Es folgten lange Monate, in denen Igor das Kommen und Gehen von sieben anderen Kindern miterlebte. Katrina stellte den diesjährigen Rekord auf: Sie war nur zwei Tage im Heim gewesen, bevor sie neue Eltern fand. Auch Igors neuer bester Freund, Boris, blieb ihm nur einen Monat lang erhalten. Der Juli, den er mit Boris teilte, war der schönste Monat in seinem bisherigen Leben.

Und Boris war der erste Mensch, dem er erzählte, was mit seinen Eltern passiert war. Zwischen dem Mittagessen (Konservendosengulasch) und dem Fußballspielen (Konservendosenfußball) streckten sich die beiden Jungen gerne auf dem kleinen Fleckchen Gras aus, das nicht von hohen Häusern oder Bäumen überschattet war und redeten. Boris hatte damit angefangen. Eines Tages erzählte er dem stillen Igor aus heiterem Himmel ein Geheimnis.

Igor hatte bis dahin kein einziges Wort mit Boris gewechselt. Igor redete so wenig wie möglich, denn er mochte seine leise, heisere Stimme nicht. Und auch nicht die lauten Stimmen der anderen Kinder, die unaufhörlich mit neuen Worten um sich warfen. Doch er konnte nicht widerstehen nachzufragen, als Boris ihm erzählte, dass er der Urgroßenkel eines russischen Prinzen war.

Tagelang verbrachte Igor damit, jedes kleinste Detail aus Boris herauszukitzeln, das er über seinen Urgroßvater wusste. Doch irgendwann wollte Boris eine Gegenleistung dafür, dass Igor ihm Löcher in den Bauch fragte. Er wollte auch ein Geheimnis hören. Und da Igor nichts Besseres einfiel, erzählte er Boris das Wenige, das er über seine Eltern wusste – wie sie gestorben waren.

Igor selbst war erst drei Jahre alt gewesen, darum war seine Erinnerung nur sehr schemenhaft. Er konnte sich an den hellen Lichtblitz erinnern, das Schreien seiner Mutter, den verzweifelten Versuch seines Vaters, ihr zu helfen. Und dann wurde seine Erinnerung von Nebel verschlungen, von denselben nebeligen Rauchschwaden, die ihn fast selbst das Leben gekostet hätten, wenn nicht der Nachbar rechtzeitig die Feuerwehr gerufen hätte.

Drei Wochen nach Igors Geständnis war Boris fort. Igor hatte versucht, Boris‘ Verhalten zu analysieren, als das ältere Pärchen im Heim auftauchte. Aber er konnte es nicht verstehen. Boris und er, sie waren doch beste Freunde – warum würde er dann das Kinderheim verlassen wollen? Nein, es machte einfach keinen Sinn, dass Boris sanft wie ein Lämmchen und so aufmerksam wie der übereifrigste Diener geworden war, als das Paar das Heim betrat.

Höflich schüttelte er beiden die Hände, ließ sich vom Herren den Hut reichen und von der Dame den Schal und legte beides ordentlich auf den Sessel im Flur. Natürlich war er nicht der Einzige, der sich um die neuen vielleicht-bald-Eltern scharte, aber Igor, Alexander und Nadia konnten Boris nicht das Wasser reichen. Boris wusste, wie man sich verkaufen musste.

Als klar war, dass Boris neue Eltern gefunden hatte, brach für Igor eine Welt zusammen. Er hatte noch nie einen Freund gehabt – und nun wurde ihm dieser einzige Trost im grauen Alltag auch noch genommen. „Wirst du mich besuchen kommen?“, fragte er Boris, während dieser zum letzten Mal sein Bett im Schlafraum machte. „Ich verspreche es dir, so wahr ich der Urgroßenkel eines Prinzen bin!“, antwortete dieser und boxte Igor leicht in die knochige Schulter.

Der August brach an und der September zog vorüber, der Oktober brachte den ersten Schneefall und der November ließ die Fensterscheiben im Wind klirren. Nun war der Dezember bereits halb vorüber – und kein Lebenszeichen von Boris. Mit jedem Tag, an dem es nicht an der schweren Eingangstüre klopfte und ein dunkelhaariger, für sein Alter groß gewachsener, fröhlicher Junge hereinmarschierte, wurde Igor trauriger.

Nach zwei Monaten war er soweit, dass er morgens nicht mehr von selbst aufstand. Die Betreuerin musste ihn aus dem Bett heben und anziehen, zum Essen zwingen und ihm abends die Zähne putzen und ihn wieder ins Bett bringen. Wenn Leute kamen, die jemanden adoptieren wollten, zog er sich in den Schlafraum zurück und war nicht dazu zu bewegen, sich bei den Interessenten vorzustellen.

Wenn die Betreuerinnen Igor nicht schon seit drei Jahren gekannt hätten, hätten sie ihn vermutlich in eine Anstalt gebracht, in der seine Antriebslosigkeit nicht geduldet worden wäre. Doch sie wussten, dass sein zarter Charakter daran zerbrechen würde. Und so ließen sie ihm die Sonderbehandlung gerne zukommen, auch wenn sie keine Hoffnung hatten, dass er jemals wieder fröhlicher werden könnte.

Nun, da Weihnachten schon fast vor der Tür stand, war Igors Leid besonders groß. All die glücklichen Kinder draußen erinnerten ihn an Boris, der jetzt ein besseres Leben führte und seinen alten Freund und Vertrauten, Igor, darüber ganz vergessen hatte. Wie hatte er nur den großen Fehler machen können, sich überhaupt auf diese Freundschaft einzulassen? Er hätte doch wissen müssen, dass diese ihm auf lange Sicht nur Enttäuschung bringen würde.

Am Morgen des Heiligen Abends hatte Igors Hadern mit dem Schicksal ein Ende. Eine der Betreuerinnen hatte morgens ein Päckchen vor der Haustür gefunden. Ein Päckchen, auf dem in feinen Lettern „Igor“ geschrieben stand. Und darunter: „Sofort öffnen“. Igor staunte nicht schlecht, als er zum ersten Mal in seinem Leben ein richtiges Weihnachtspaket aufreißen durfte.

Im Päckchen war ein Buch mit viel Schrift, die Igor noch nicht lesen konnte, aber auch mit vielen Bildern. Sofort erkannte er, dass es ein Buch über russische Prinzen war. Und plötzlich war der Wandel vollzogen: Er hüpfte quer durchs Zimmer und jubilierte, drückte das Buch fest an seine Brust und platzte fast vor Freude. Bis es an der Tür klingelte. Igor erstarrte. Und dann rannte er zur Tür und riss sie auf.

Er rieb sich die Augen und kniff sich in die zarten Ärmchen, doch egal was er tat, Boris verschwand nicht von der Türschwelle – er war nicht eingebildet. Erst als er sich dessen versichert hatte, fiel er Boris um den Hals und konnte nicht mehr aufhören zu lachen, was dessen Eltern erfreut aus ein paar Schritten Entfernung betrachteten.
„Boris hatte recht, Igor kann wirklich fröhlich sein, wenn er nur einen Grund dazu hat“, hörte Igor Boris‘ Mutter flüstern. „Ich wollte schon immer zwei Söhne haben“, flüsterte der Vater zurück und zwinkerte dem erneut erstarrten Igor verschmitzt zu.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 23

23. Dezember 2014 at 05:43 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , , )

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Die drei neu hinzugestoßenen Männer senkten die Blicke betreten. Balthasar warf schließlich seine Papierkrone zu Boden und schmollte: „Was sollen wir jetzt bloß im Dorf sagen? Letztes Jahr wurde das Kind zu früh geboren, das Jahr zuvor haben sich die Heiligen Drei Könige verirrt und wir sind erst am 25. angekommen – dieses Jahr wollten wir doch alles richtig machen! Und jetzt ist es ein Mädchen…“ Er schüttelte den Kopf traurig und kickte die zerknitterte Krone mit dem Fuß in die nächstgelegene Ecke.
„Ich verstehe nicht ganz…“, begann der Prinz zögernd. Doch bevor er fortfahren konnte, unterbrach ihn die Hexe: „Ach, der Melodisier weiß mal wieder von nichts. Das hätte ein Krippenspiel werden sollen, um die Geburt Jesu zu feiern. Aber da hat der Heilige Geist wohl einen Fehler begangen“, kicherte sie und zeigte auf das neugeborene Mädchen, das an der Brust seiner Mutter saugte.

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 22

22. Dezember 2014 at 05:59 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , , , )

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

„Aber nein, Herr Prinz, der Knabe ist der Heiland, dem wir unsere Gaben bringen!“, rief Melchior belustigt. Just in diesem Moment vernahmen die Herren einen gellenden Kinderschrei aus dem Lebkuchenhaus schallen. Die Männer stürmten hinein und Kasimir drückte sein riesiges Auge gegen das Fenster, um auch einen Blick auf den Trubel zu erhaschen. Die Hexe hielt das noch durch die Nabelschnur mit Maria verbundene Kind hoch, sie streckte es Maria und Josef mit blutigen Händen entgegen: „Es ist ein Mädchen!“ Sie rümpfte die Nase: „Das könnt ihr behalten. Mein Lebtag lang habe ich immer nur knackfrische, wohlgenährte Büblein verspeist, da werde ich jetzt auf meine alten Tage nicht auf zähe, magere Mädchen umsteigen.“ Maria schluchzte vor Freude auf, als sie ihr Kind in die Arme schließen konnte. Josef aber schaute finster in die Runde und fragte die am Feldbett ruhende Maria: „Ich dachte, du wärst dir sicher gewesen, dass es ein Junge wird?“

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Ein Prinz rettet Weihnachten: Teil 19

19. Dezember 2014 at 05:44 (Ein Prinz rettet Weihnachten) (, , , , , , , , )

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

„Mir kam zu Ohren, dass Ihr in der Vergangenheit nicht die besten Erfahrungen mit Melodisiern gemacht habt – trotzdem würde ich Euch bitten, diesen zwei armen Leuten aus dem Nachbarreich eine Herberge für die Nacht zu geben. Ihre Hütte wurde von einem Kometen getroffen und die holde Maria ist hochschwanger…“, seine Stimme wurde immer leiser, während die Hexe ihn gelangweilt beobachtete. „Und was springt für mich dabei heraus, außer einer Riesensauerei, wenn die da ihre Brut nicht bei sich behalten kann?“, fragte die Hexe und deutete mit ihrem Zeigefinger, der eher einem knorrigen Zweig als einem menschlichen Körperteil ähnelte, auf Maria. „Was hättet Ihr denn gerne?“, fragte der Prinz und sah sie angsterfüllt an. „Gold, Diamanten, ein Schloss?“ Die Hexe übermannte ein kehliges Lachen, der spitze Hut verrutschte, während sie nach Luft schnappte und versuchte, sich wieder zu beruhigen. „Den Firlefanz kannst du dir sparen – ich will den Jungen!“, rief sie kichernd.

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Weihnachtsmärchen: Teil 6

6. Dezember 2013 at 06:30 (Weihnachtsmärchen) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

„Er lacht nie. Ich habe ihn noch kein einziges Mal lachen gehört. Er schmunzelt nicht mal“, hörte er seine neue Mutter eines Nachts vor seiner Tür seufzen. „Immer wenn ich ihn ansehe, ist sein Blick leer… Das erinnert mich noch mehr daran, dass wir keine eigenen Kinder haben können.“ „Ich weiß, Schatz“, murmelte sein bald-nicht-mehr-Vater, „er ist ein eigenartiges Kind. Er braucht eine Familie, die schon mehr Erfahrung hat, die weiß, wie man mit solchen schwierigen Kindern umgeht…“ Igor konnte in jener Nacht nicht schlafen.

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Weihnachtsmärchen: Teil 1

1. Dezember 2013 at 06:00 (Weihnachtsmärchen) (, , , , , )

Nach der Adventsgeschichte im Jahr 2010 und dem Weihnachtskrimi 2012 wird es auch dieses Jahr wieder einen „Fortsetzungsgeschichten-Adventskalender“ geben. Viel Spaß beim Lesen!

Igor hasste die Vorweihnachtszeit seit er sich zurückerinnern konnte. Mit seinen sechs Jahren konnte er sich noch nicht besonders weit zurückerinnern. Die letzten zwei Jahre waren halbwegs klar in seinem Gedächtnis, das Jahr davor wurde zunehmend schemenhafter, bis nur noch einige Erinnerungsfetzen von seiner frühesten Kindheit vor seinem inneren Auge auftauchten. Er hasste es, wenn die Nächte länger wurden, er hasste es, Kindern mit strahlenden Augen auf den Weihnachtsmärkten zu begegnen und er hasste es, Eltern beim Geschenkekauf zu beobachten.

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#31 Jonas und ich

20. November 2010 at 14:48 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , , , )

Wie jeden Sonntag winkte ich dem roten Auto nach, in dem Jonas wieder in den Alltag zurückkehrte, bis es um die Ecke bog und verschwand. Ich fröstelte, es begann kalt zu werden und die Tage wurden immer kürzer. Ich zog die Weste enger um mich, nahm die Post aus dem Briefkasten und verschwand in meine kleine Wohnung.

Die Sonntage waren immer viel zu kurz. Es gab tausende Dinge, die ich Jonas beibringen und zeigen wollte, es gab so viel zu erforschen, das ihm nicht entgehen durfte. Die Sonntage waren der Lichtblick meiner Woche und die Besuche von Jonas der einzige regelmäßige soziale Kontakt, den ich pflegte. Jonas war mir wichtig, Jonas war schließlich mein Sohn.

Als er auf die Welt kam, hatte ich versprochen, dass alles anders werden würde. Ich würde weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Ich würde die Forschung erstmalig nicht den vordersten Platz auf meiner Prioritätenliste einnehmen lassen. Ich würde mit den Gedanken nicht mehr im Labor sein, wenn ich nach Hause kam, sondern ganz bei Jonas. Ich würde, ich würde… Natürlich kam es anders.

Es begann mit einem Experiment, das ich noch fertigstellen wollte, bevor ich mich endlich niederließ und häuslich wurde, so wie man das von Menschen in meinem Alter erwarten konnte. Das Experiment war vielversprechend und das Ergebnis umso mehr: Wir waren einen gewaltigen Schritt weiter in der Forschung zur Bekämpfung von Krebs. Wie hätte ich da aufhören können? Wie hätte ich meine jahrelangen Bemühungen an diesem Punkt in die Hände eines anderen Forschers legen können? Ich dachte, ich wäre so kurz vor dem Ziel und in ein, zwei oder auch drei Monaten würde ich die Hände in den Schoß legen können und das Familienleben genießen – nachdem ich ein Verfahren entwickelt hatte, um die bösartig wuchernden Krebszellen dauerhaft unschädlich zu machen.

Doch nach diesem wegweisenden Experiment ging es nur langsam voran. Ein Schritt nach vorne, zwei zurück, das schien das neue Muster zu sein, nachdem meine Forschung ablief. Aus Monaten wurden Jahre. Ich versäumte Jonas erste Schritte, seine ersten Worte und auch seine ersten Experimente (was passiert mit dem Goldfisch, wenn ich ihn im Klo runterspüle und ähnliche Versuche). Dann kamen die Scheidung und der Entzug des Sorgerechts. Was übrig blieb, waren die Sonntage. Die Sonntage, an denen ich versuchte, meinem mittlerweile siebenjährigen Sohn zu zeigen, was ich den Rest der Woche machte und warum ich nicht nach Hause kommen konnte, obwohl ich ihn liebte.

Ich kann nur hoffen, dass er eines Tages, wenn er älter ist, zurückblicken kann und sagt, dass seine Kindheit, obwohl er nicht beide Elternteile stets um sich hatte, gut war. Dass er die Sonntage genossen hat und vielleicht sogar, dass sie ihn dazu motiviert haben, selbst in die medizinische Forschung zu gehen. Und dass er stolz auf seine Mutter ist, die bis dahin hoffentlich einen Weg gefunden hat, die Menschheit von Krebs zu heilen.

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#26 Für immer jung

3. September 2010 at 14:38 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Pippi!“, rief ich in die Stille des großen Hauses hinein, während ich die Eingangstür hinter mir zuzog. „Wo bist du?“
Ich hörte es leise im Wandschrank kichern und sah durch einen Spalt, wie Leni zwischen Jacken und Mänteln kauerte und sich in die Faust biss, um nicht laut loszuprusten.
„Hmm… Hier ist sie nicht, ich werde sie mal in ihrem Zimmer suchen gehen“, verkündete ich lautstark und trampelte die Treppe hinauf, damit sie wusste, dass sie aus ihrem Versteck kommen konnte.

„Wo ist denn bloß die Pippi?“, wunderte ich mich, als ich ihr farbenfroh dekoriertes Zimmer wieder verließ. Langsam trottete ich die Stiegen wieder hinunter ins Vorzimmer, schaute mal links, mal rechts, bloß nicht geradeaus.
„Dann werde ich wohl wieder gehen, wenn sie nicht da ist…“, überlegte ich laut und war schon fast bei der Tür angekommen, als Leni, die auf der Türmatte gesessen hatte, plötzlich vor mir aufsprang. Ich griff mir ans Herz und tat so, als hätte ich mich fürchterlich erschrocken, bevor ich Leni umarmte und ganz kurz hochhob.
Das alles gehörte zu unserem kleinen Ritual, das sich jeden Donnerstag, wenn ich sie nach der Arbeit besuchen kam, abspielte. Es war mit den Jahren immer schwieriger geworden, sie zu übersehen und mit dem Hochheben hatte ich auch zunehmend Probleme.

Leni nahm mich an der Hand und zog mich in die Küche. Ihre Mutter saß am Küchentisch, wo sie stets ihre Kreuzworträtsel löste und begrüßte mich freundlich.
„Na Mädels, wollt ihr einen Kakao und Kekse?“, bot sie uns an.
„Jaa!“, rief Leni und klatschte in die Hände. Sie holte ihre zwei Lieblingstassen für uns aus dem Schrank, eine mit Winnie the Pooh darauf, die andere zeigte Pippi Langstrumpf.
„Sie hat heute kein Mittagsschläfchen gemacht, es kann sein, dass sie schnell müde wird“, warnte mich ihre Mutter unterdessen leise.

„Und was willst du heute machen?“, fragte ich Leni, während ich vorsichtig das Tablett mit Kakao und Keksen über die Stiegen und hinauf in ihr Kinderzimmer trug.
„Liest du mir vor?“, fragte sie und holte schon ihr Lieblingsbuch aus dem Regal. Pippi Langstrumpf. Ihre Vorliebe für das freche Mädchen mit den rot-orangen Haaren war nicht der einzige Grund, warum wir sie Pippi nannten.

Wir machten es uns auf ihrem großen Bett gemütlich und sie legte den Kopf in meinen Schoß, ihr Lieblingsplüschtier, ein Pferd wie das von Pippi Langstrumpf, im Arm. Ich begann zu lesen und gemeinsam schauten wir die Bilder an, so lange, bis Leni langsam die Augen zufielen.

Ich betrachtete ihr hübsches Gesicht, während sie friedlich schlummerte. Sie war eine gutaussehende junge Frau geworden, in den letzten dreiundzwanzig Jahren. Wir kannten uns praktisch seit unserer Geburt, doch sie war auf dem geistigen Niveau einer Sechsjährigen steckengeblieben.
„Gute Nacht, Pippi“, flüsterte ich, als ich ihre Kuscheldecke über ihren erwachsenen Körper zog und an den Seiten feststeckte, bevor ich das Licht löschte und meine große kleine Freundin schlafen ließ.

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#21 Flashback

2. Juni 2010 at 20:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Das Kind weinte. Was sollte ich tun? Was hatte mein Vater immer getan, wenn ich als Kind geweint hatte? Er hatte mir Schokolade gegeben, als Ablenkung. Ich war ein dickliches kleines Mädchen gewesen. Seither aß ich immer Schokolade wenn ich traurig war. Aber genau heute hatte ich keine dabei.
Das Kind schluchzte laut auf.
„Schhh…“, machte ich und hockte mich wieder neben dem Mädchen auf den nassen Asphalt. „Schhh…“

Das Weinen hörte auf. Das Kind hielt inne, starrte mich verständnislos an, bevor es wieder losplärrte. Jetzt wusste ich wieder, warum ich keine eigenen Kinder haben wollte.
Ich stupste das Kind sanft an und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken – es sollte nicht dauernd zum Unfallsort schauen müssen. Das Kind drehte sich nur noch weiter weg von mir. Es sah heulend den Feuerwehr- und Rettungsmännern bei der Arbeit zu. Warum hatten sie mich mit dem Kind alleine gelassen? Ich hatte doch gar keine Ahnung von Kindern…

„Wie heißt du?“, versuchte ich mit der Kleinen ins Gespräch zu kommen.
„Lara“, schniefte sie.
„Möchtest du deinen Papa anrufen, Lara?“, fragte ich sie freundlich. Ich hielt mein Handy, mit dem ich vorhin die Rettung verständigt hatte, immer noch in der Hand und streckte es ihr nun entgegen.
„Ich habe keinen Papa“, brachte sie keuchend hervor. Auch das noch.
„Willst du vielleicht mit deinen Großeltern reden? Hast du ältere Geschwister, Tanten, Onkel?“, fragte ich, während die Verzweiflung langsam in mir hochstieg, während sie unentwegt den Kopf schüttelte. Sie zog lautstark auf, bevor sie „hab ich nicht“ murmelte.

Ich spürte, wie meine Augen begannen, feucht zu werden. Ich hatte immer gedacht, ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt, mit nur einer einzigen Bezugsperson, die noch dazu ziemlich ungeschickt im Umgang mit Kindern war. Aber dieses Mädchen hier hatte auf einen Schlag alles verloren.
Ich sah verschwommen vor meinem inneren Auge eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar und ebenso strenger Stimme. „Sollen wir sie mitnehmen?“, fragte sie meinen Vater. „Wir suchen eine neue Familie für sie.“ Mein Vater schüttelte langsam den Kopf und schickte die Frau von der Fürsorge weg. Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn sie mich damals mitgenommen hätte? Vielleicht hätte ich eine liebevolle neue Mami gehabt, einen Papi der mich zum Ponyreiten brachte und eine herzige Babyschwester. Vielleicht hätte ich aber auch immerzu Geschirr abwaschen und auf meine schlimmen kleinen Geschwister aufpassen müssen. Ich war froh, dass ich bei meinem Vater bleiben hatte dürfen, in der gewohnten Umgebung, auch wenn Papa sich nach Mamas Tod in einen stillen, traurigen und apathischen Mann verwandelt hatte, der mir kaum den nötigen Trost und Halt schenken konnte.

Endlich kam ein Sanitäter zu uns am Straßenrand kauernden einsamen Gestalten herüber. Er stellte mir einige Fragen und ich beschrieb ihm, was ich gesehen hatte, sagte, was ich wusste. Lara schwieg neben mir, wiegte ihren kleinen Körper hin und her und drückte ihre Hände gegen den kalten Asphalt. Flüsternd erklärte ich dem Sanitäter, dass das Mädchen jetzt anscheinend niemanden mehr hatte.
„Sollen wir mal schauen, ob wir im Auto noch einen Lutscher finden?“, fragte der junge Mann Lara freundlich und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Sie warf mir einen langen Blick zu, nahm seine Hand und ließ sich von ihm mitziehen. Ich blieb am Straßenrand hocken und sah zu, wie die beiden langsam durch den Nieselregen auf den bereitstehenden Rettungswagen zu gingen. Auf halbem Weg drehte sich Lara um und warf mir einen letzten Blick zu.

Es war dieser Blick, dieser verwirrte und hilflose Blick, der mich so sehr daran erinnerte, wie ich mich damals gefühlt hatte, der mich aus meiner Erstarrung aufweckte. Wenn es jemanden gab, der wissen musste, was man sich als Kind wünschte, wenn man eben seine Mutter verloren hatte, dann war ich es.

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#14 Ein anderes Leben

26. März 2010 at 09:35 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Ich lebte wohl den Traum eines jeden Kindes. Ich wurde in einem Haus voller Spielzeug groß, in einer Familie, in der mir jeder Wunsch erfüllt wurde. Ich war verwöhnt – und das, obwohl wir nicht einmal ansatzweise wohlhabend waren. Meine Eltern mussten hart arbeiten, um unseren Lebensstil finanzieren zu können. Aber sie taten es, damit ich alles hatte, was mein Herz begehrte.
Doch sie verwöhnten mich nicht nur mit materiellen Dingen, sondern auch emotional. Sie gaben mir das Gefühl, das vollkommenste Wesen auf der ganzen Erde zu sein und schenkten mir so viel Liebe, dass man es gar nicht in Worte fassen konnte. Welches Kind träumte nicht von so einem Leben?

In der Schule fiel mir im Umgang mit den anderen Kindern zum ersten Mal auf, dass das Verhalten meiner Eltern nicht gang und gäbe war. Meine Freunde bekamen nicht alles, worauf sie nur mit dem Finger zeigten und zwischendurch, wenn sie Unsinn machten, waren ihre Eltern böse auf sie und schimpften mit ihnen. Ich wurde skeptisch. Die Kinder, die mit großen Augen staunend mein Königreich besuchten und verwundert zusahen, wie liebevoll meine Eltern ständig mit mir umgingen, waren eindeutig in der Überzahl. Ich war hier der Freak.

In der Pubertät begann ich, meine Eltern auszufragen. Das Einzige, das ich aus meiner Mutter herauskitzeln konnte, war der lapidare Satz, dass man sein Kind eben anders liebt, wenn man sich wirklich bewusst dazu entscheidet, eines in die Welt zu setzen. Ich zweifelte. Sie konnte doch nicht annehmen, dass all die anderen Elternpaare ihre Kinder unüberlegt gezeugt hatten? Ich war mit der Erklärung meiner Mutter unzufrieden.
Sie bemerkte mein Unverständnis und wollte natürlich, dass ich glücklich war. Also rechnete sie mir vor, wie lang sie und mein Vater nun schon zusammen waren – ihre Beziehung dauerte an, seit sie vierzehn und mein Vater sechzehn war. Ich gab mich damit vorerst zufrieden. Ich hatte Einiges zu überdenken. Sie hatte noch hinzugefügt, dass man in so einer langen Zeit eine ganz andere Vorstellung von Liebe entwickelte. Vielleicht hatte sie Recht.

Eines Abends, Monate später, waren Freunde meiner Eltern zu Gast. Ich zog mich irgendwann zurück, um mit einem Freund zu telefonieren. Da er nicht abhob, setzte ich mich auf die oberste Treppenstufe und lauschte ein wenig den Stimmen im Wohnzimmer, die deutlich zu mir herauf klangen.
Die Freundin meiner Eltern war schwanger. Sie erzählte gerade etwas über morgendliche Übelkeit – wie langweilig. Ich wollte schon meinen eigenen Gedanken nachhängen, als die Stimme meiner Mutter antwortete, das sei bei ihren ersten beiden Schwangerschaften auch ganz schlimm gewesen. Ich stutzte. Ich hatte keine Geschwister. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Meine Mutter hatte ihre ersten beiden Babies verloren! Deswegen liebten mich meine Eltern so abgöttisch. Ich war das lang ersehnte Wunschkind…

Die Freundin meiner Mutter war anscheinend ebenso überrascht wie ich. Sie fragte mit mitleidiger Stimme, was denn passiert sei. Ich spürte förmlich, wie meine Mutter zögerte. Sollte sie ihre traurige Lebensgeschichte vor den Gästen ausbreiten?
„Wir waren sehr jung, Richard und ich“, begann sie, „ich war fünfzehn, als ich schwanger wurde… So jung…“ Niemand sagte etwas. „Ihr müsst verstehen, wir waren selbst noch Kinder, nicht alt genug, um ein eigenes Baby großzuziehen… Und wir waren danach so vorsichtig, das könnt ihr mir glauben, aber als ich siebzehn war, ist es wieder passiert… Wir sind nicht stolz darauf, aber wir hätten dem Kind kein richtiges Leben bieten können…“

Ich schluckte schwer. Es tat weh, aus meiner Friede-Freude-Eierkuchen-Welt herausgerissen zu werden. Aber vor allem tat es weh, nicht zu wissen, wie viel von der grenzenlosen Liebe meiner Eltern eigentlich da war, um ihre brennenden Schuldgefühle zu besänftigen.

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