#45 Piano, piano

23. Dezember 2011 at 20:37 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Tap, tap, tap. Sie hob einen Finger nach dem anderen an und ließ ihn sanft wieder auf die Tischplatte fallen. Tap, tap. Sie lächelte und faltete die Hände in ihrem Schoß zusammen. Sie hörte in ihrem Kopf eine Melodie klingen, die sie lange Jahre ihres Lebens begleitet hatte.

Sie entfaltete ihre schmalen, knochigen Hände. Die Adern standen blau hervor und ein paar Altersflecken zeichneten die reife Haut. Sie war weder von Gicht, noch von Rheuma geplagt. Sie konnte problemlos an der Strick- und Häkelrunde teilnehmen, etwas malen oder beim Adventkranzbinden kurz vor Weihnachten helfen. Manchmal unterstützte sie ihre Zimmernachbarin dabei, die tückischen Schnürsenkel zu besiegen, da deren Finger oft nicht mehr taten, was sie wollte. Sie selbst aber hatte sich ihre Fingerfertigkeit bewahrt. Sie könnte auch Klavier spielen.

Sie war nicht jünger als die anderen Bewohner des Pflegezentrums. Manchmal fiel ihr etwas nicht mehr ein, das sie eben noch gewusst hatte oder sie vergaß ihre Tabletten zu nehmen, obwohl sie jeden Morgen am Nachttisch geduldig darauf warteten, dass sie aufwachte. Aber Dinge von früher entschwanden ihr nie. Ebenso wenig wie die Melodie, die sie in ihrem Herzen trug.

Im Aufenthaltsraum, der wegen der gemütlichen Sofas gerne von Besuchern frequentiert wurde, stand er, der große schwarze Flügel. Seit sie hier wohnte, ging sie ihn jeden Tag besuchen. Sie nahm in einem dunkelgrünen, etwas fleckigen Polstersessel Platz, der es ihr erlaubte, den Flügel aus dem perfekten Blickwinkel zu betrachten – so schräg, dass sie, sollte jemand ihn bespielen, dessen Handbewegungen und die auf- und niederschnellenden Tasten beobachten konnte, während der Bösendorfer-Schriftzug ihr im Licht der Pultlampe golden entgegenschimmerte und zuzwinkerte.

Es kam selten vor, dass jemand ein paar Töne klimperte. Ab und zu kam ein junger Musikstudent vorbei, der für seine Großmutter einige kurze Stücke zum Besten gab, weil er nicht wusste, was er mit ihr reden sollte. Er schlug die Tasten fest an und trat heftig in die Pedale. Es durchzuckte sie ein leiser Schmerz, wenn sie sah, wie das edle Instrument so grob behandelt wurde.

Eines Abends, als nur noch ein schlafender Mann mit zerknautschtem Gesicht im Aufenthaltsraum war, den die Nachtschwester wahrscheinlich schon verzweifelt suchte, ging sie zum Flügel und strich vorsichtig über die Tastatur. Das kühle Weiß-und-Schwarz fühlte sich so beruhigend an, dass sie sich für einen Moment auf den wackeligen Hocker setzte. Er quietschte ein bisschen und sie drehte sich ängstlich nach dem Mann um. Aber er schlief tief und fest. Sie legte die Finger auf die Tasten und drückte sie so langsam und bedächtig hinunter, dass sie keinen Ton von sich gaben. Es war der erste Akkord der Melodie, die in ihrem Kopf unaufhörlich vor sich hin summte.

Sie blickte auf und sah einem matten, schwarz glänzenden Spiegelbild ihrer selbst entgegen. Wie lang war es her, dass sie auf einem Klavierhocker gesessen und tatsächlich das Instrument zum Schwingen, zum Seufzen und Vibrieren gebracht hatte? Zehn, fünfzehn Jahre? Irgendwann bevor ihr Mann krank geworden war. Sie hatte das Datum nicht mehr im Kopf, an dem der Krebs diagnostiziert worden war, es spielte keine Rolle, es waren nur Zahlen.

Sie hatte sich geschworen, alle Erinnerungen in ihrem Kopf zu bewahren, für immer und ewig. Seine ersten schüchternen verliebten Blicke, die streichelnden Hände, wenn sie traurig war, die von Jahr zu Jahr tiefer werdenden Lachfalten um seinen Mund, das immer schütterer werdende Haar, die einst weißen Zähne, die nach und nach durch künstliche ersetzt worden waren. Sie wollte sich merken, wie es war, neben ihm einzuschlafen und wieder aufzuwachen, Zeitung zu lesen und spazieren zu gehen. Ihm fielen Dinge auf, die sie übersehen hätte. Hier ein winziges Schneckenhaus, dort ein rastender Marienkäfer auf einer Blüte.

Aber das Einzige, was geblieben war, waren Schnappschüsse in ihrem Gehirn. Kurze Szenen bildeten sich da ab, einzelne Momente, die sie aneinanderreihen konnte, aber die nicht an das heranreichten, was er als Ganzes gewesen war, immer noch war. Nur die Melodie war geblieben. Deswegen konnte sie sie auch nicht mehr spielen, denn sie sollte bis zu ihrem eigenen letzten Atemzug so rein und unverfälscht wie in ihren Gedanken bleiben.

Es war das erste Lied, das sie ihm vorgespielt hatte, an jenem magischen Abend, an dem er sie dazu überredet hatte, eine Karriere als Konzertpianistin anzustreben. Der Plan war niemals umgesetzt worden – eine Woche vor der Aufnahmeprüfung gebar sie ihr erstes Kind. Aber die Melodie hatte sie noch viele Male gespielt. Das Stück begann langsam und melancholisch, steigerte sich zu einem schnellen, klangvollen Höhepunkt, wonach es wieder ruhiger und leiser wurde, bevor es sanft und versöhnlich endete.

Permalink 2 Kommentare

#31 Jonas und ich

20. November 2010 at 14:48 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , , , )

Wie jeden Sonntag winkte ich dem roten Auto nach, in dem Jonas wieder in den Alltag zurückkehrte, bis es um die Ecke bog und verschwand. Ich fröstelte, es begann kalt zu werden und die Tage wurden immer kürzer. Ich zog die Weste enger um mich, nahm die Post aus dem Briefkasten und verschwand in meine kleine Wohnung.

Die Sonntage waren immer viel zu kurz. Es gab tausende Dinge, die ich Jonas beibringen und zeigen wollte, es gab so viel zu erforschen, das ihm nicht entgehen durfte. Die Sonntage waren der Lichtblick meiner Woche und die Besuche von Jonas der einzige regelmäßige soziale Kontakt, den ich pflegte. Jonas war mir wichtig, Jonas war schließlich mein Sohn.

Als er auf die Welt kam, hatte ich versprochen, dass alles anders werden würde. Ich würde weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Ich würde die Forschung erstmalig nicht den vordersten Platz auf meiner Prioritätenliste einnehmen lassen. Ich würde mit den Gedanken nicht mehr im Labor sein, wenn ich nach Hause kam, sondern ganz bei Jonas. Ich würde, ich würde… Natürlich kam es anders.

Es begann mit einem Experiment, das ich noch fertigstellen wollte, bevor ich mich endlich niederließ und häuslich wurde, so wie man das von Menschen in meinem Alter erwarten konnte. Das Experiment war vielversprechend und das Ergebnis umso mehr: Wir waren einen gewaltigen Schritt weiter in der Forschung zur Bekämpfung von Krebs. Wie hätte ich da aufhören können? Wie hätte ich meine jahrelangen Bemühungen an diesem Punkt in die Hände eines anderen Forschers legen können? Ich dachte, ich wäre so kurz vor dem Ziel und in ein, zwei oder auch drei Monaten würde ich die Hände in den Schoß legen können und das Familienleben genießen – nachdem ich ein Verfahren entwickelt hatte, um die bösartig wuchernden Krebszellen dauerhaft unschädlich zu machen.

Doch nach diesem wegweisenden Experiment ging es nur langsam voran. Ein Schritt nach vorne, zwei zurück, das schien das neue Muster zu sein, nachdem meine Forschung ablief. Aus Monaten wurden Jahre. Ich versäumte Jonas erste Schritte, seine ersten Worte und auch seine ersten Experimente (was passiert mit dem Goldfisch, wenn ich ihn im Klo runterspüle und ähnliche Versuche). Dann kamen die Scheidung und der Entzug des Sorgerechts. Was übrig blieb, waren die Sonntage. Die Sonntage, an denen ich versuchte, meinem mittlerweile siebenjährigen Sohn zu zeigen, was ich den Rest der Woche machte und warum ich nicht nach Hause kommen konnte, obwohl ich ihn liebte.

Ich kann nur hoffen, dass er eines Tages, wenn er älter ist, zurückblicken kann und sagt, dass seine Kindheit, obwohl er nicht beide Elternteile stets um sich hatte, gut war. Dass er die Sonntage genossen hat und vielleicht sogar, dass sie ihn dazu motiviert haben, selbst in die medizinische Forschung zu gehen. Und dass er stolz auf seine Mutter ist, die bis dahin hoffentlich einen Weg gefunden hat, die Menschheit von Krebs zu heilen.

Permalink Kommentar verfassen