#57 Davonlaufen

25. Oktober 2013 at 22:24 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Als die Dunkelheit seine Heimatstadt sanft umschlang und die Sterne begannen einander zuzuzwinkern, da nur sie wussten, welche Geheimnisse die Nacht hütete, rannte er los. Bloßfüßig sprintete er über die Pflastersteine, die die Einfahrt bedeckten, grau und kalt und mit moosigen Rillen, die sich feucht und weich anfühlten. Als er den Kiesweg querte, musste er die Zähne zusammenbeißen, um den Schmerz nicht zu spüren. Die spitzen Steinchen bohrten sich unerbittlich in seine Sohlen, um in der nächsten Sekunde wieder knirschend zu ihren Gesellen ins Kieselbett zurückzufallen.

Er atmete auf, als er endlich die saftige grüne Wiese erreichte, die in der Nacht so grau wie alles andere war. Der Tau, der sich schon für den Morgen bereit gemacht hatte, um in der Sonne zu funkeln und seine Pflänzchen zu tränken, war Balsam für seine Fußsohlen und seine Seele. Er lief so schnell, dass sein hellblauer, weit geschnittener Pyjama um seinen Körper schlackerte.
Seine Frau, Annette, hatte ihn schon oft gebeten, dass er doch mit dem nächtlichen Laufen aufhören möge. Aber seine Frau, Annette, hatte keine Ahnung. Keine Ahnung, was die Nacht so an Erinnerungen mit sich brachte.

Er war am Waldrand angekommen und endlich konnte er langsamer werden. Die kalte Luft schmerzte bei jedem Atemzug in seiner Lunge, er keuchte, hielt sich die stechenden Seiten und beugte sich nach vorne. Erschöpft lehnte er sich gegen eine Eiche, bis sein Atem wieder regelmäßiger wurde. Tief drinnen im Wald schrie ein Käuzchen und irgendein Tier ging raschelnd im Gebüsch seinen Tätigkeiten nach. Seine Kondition war auch nicht mehr das, was sie einmal gewesen war.

Damals, als der Stoff für seine Alpträume entstand, war er so schnell wie kein anderer, egal ob es darum ging, zu essen, zu schießen oder zu rennen. Die Fähigkeit, loszulaufen, obwohl rund um ihn herum Menschen litten und starben, während die anderen Soldaten vor Schock gelähmt dastanden, war es dann auch, die ihm das Leben gerettet hatte. Er war nicht stolz darauf, dass er sich drei Tage durch die Wälder gekämpft hatte, weil er die Gräuel des Krieges nicht mehr aushielt, er war nicht stolz darauf, dass er das Vaterland im Stich gelassen hatte.

Er ging langsam, tastete sich voran, er wollte nicht stolpern. Manchmal stießen seine Zehen gegen Wurzeln, die sich heimtückisch aufwölbten, um einen unachtsamen nächtlichen Wanderer zu Fall zu bringen. Aber der Wald konnte ihn verschlucken, er hatte es schon einmal getan, es war ihm egal.
Er hatte Annette nie sagen können, warum er wegrannte, wenn sie ihn mitten in der Nacht berührte. Es reichte schon, wenn ihr heißer Atem sein Ohr streifte oder sie sich im Schlaf unvermittelt gegen ihn schmiegte. Seine innerlichen Alarmglocken schrillten, sein Herz klopfte schneller, besonders wenn er gerade aus einem der üblichen Träume hochschreckte. Er musste einfach laufen, ob er nun lieber im warmen Bett bei Annette liegen geblieben wäre oder nicht.

Sein Puls hatte sich normalisiert, seine Atmung war flach, aber regelmäßig. Bald würden die Amseln ihre morgendlichen Lieder anstimmen, während er in dem Haus, das nun schon seit dreiundzwanzig Jahren sein Eigentum war, in dem er mit seiner Frau Annette und seinen zwei Töchtern wohnte, darauf wartete, dass der Tag die Schrecken der Nacht vertrieb.

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#22 Alenuro, der Schmetterling

24. Juni 2010 at 20:06 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Der blau-violette Schmetterling mit der hübschen weißen Zeichnung nahm auf seiner linken Brust Platz, direkt über seinem müde pochenden Herzen.
„Sag ihr, dass ich sie liebe!“, trug er dem anmutigen Insekt auf. Der Schmetterling flatterte zwei Mal langsam mit seinen Flügeln, bevor er sich in die Lüfte erhob und sich auf einer warmen Strömung westwärts treiben ließ. Er hatte seinen Auftrag verstanden.

Für Alenuro war es nicht das erste Mal, dass er eine so wichtige Botschaft zu überbringen hatte. Doch ein Schmetterling zu sein, hieß eben nicht, den ganzen Tag über fröhlich von Blüte zu Blüte zu flattern und überall etwas Nektar zu saugen. Ein Schmetterling zu sein war in Tagen wie diesen ein harter Job.

Der Anblick, der sich Alenuro bei seiner Reise Richtung Westen bot, war kein schöner. Das Land war verwüstet, zerklüftet von Kratern und noch immer stiegen hier und da Rauchwolken von orange züngelnden Flammenmeeren auf. Der blau-violette Schmetterling musste sich immer wieder über die Menschen wundern. Sie führten Kriege und machten alles kaputt, sie rissen ihre eigenen Herzen entzwei und für was? Macht, Ländereien, Geld… Alenuro war froh, dass diese Dinge in seiner Welt nichts wert waren.

Er flatterte nun so schnell, wie ihn seine Flügel trugen, er spürte, wohin er musste. Meilenweit musste er fliegen, bis er das sichere Plätzchen erreichte, bei dem er seine Nachricht abliefern sollte. Das kleine Bauernhaus schmiegte sich eng an den Waldrand, friedlich grasten ein paar Schafe auf der umzäunten Weide, die gleich an das Häuschen anschloss. Alenuro setzte zum Landeanflug an. Ein in der leichten Brise schaukelnder Grashalm wurde sein Sitzplatz.

„Ahnt sie es schon?“, fragte er den Schafbock, der ihn unter dem Grasen von der Seite beäugte. Dieser nickte schwer. „Sie weint schon seit Stunden, sie hat es gespürt.“
Der Schmetterling seufzte und erhob sich von seinem grünen Rastplatz. Das Küchenfenster stand offen, wahrscheinlich hatte Sualita schon auf ihn gewartet. Sie saß am Küchentisch, die Hände gefaltet, sie weinte nicht mehr. Vorsichtig trippelte Alenuro über den dunklen Holztisch auf sie zu, um die stumm in die Ferne starrende Frau nicht zu erschrecken. Dicht vor ihr hielt er an, bewegte zwei Mal die Flügel auf und ab, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Er hörte sie ein letztes Mal laut aufschluchzen, bevor er den Hof verließ.

„Kümmert euch um sie, solange ich fort bin!“, rief er den Schafen zu. Er musste nun Trost suchen, für die verzweifelte Frau, und wusste auch, wo dieser zu finden war – schließlich war das seine Aufgabe, als Schmetterling in diesen Zeiten.

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#20 Der letzte Zug

20. Mai 2010 at 15:56 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Seit ich mich erinnern konnte, wohnten wir in einem kleinen Häuschen direkt neben dem Bahnhof. Wir waren dort hingezogen, weil mein Vater bei der Bahn arbeitete. Er war dafür verantwortlich, dass aus den Schloten der Züge so schöner schwarzer Rauch herausqualmte. Er schaufelte die Kohlen.
Das Rattern der Züge bestimmte Mamas und meinen Alltag. Jede Stunde hielt ein Zug oder fuhr los. Das Puffen und Pfeifen der alten Züge gefiel mir, es beruhigte mich in seiner Regelmäßigkeit und wiegte mich nachts wieder in den Schlaf, wenn ich schlecht geträumt hatte.

Im Sommer stand ich oft in meinem Sommerkleidchen am Zaun und wartete, bis mein Vater nach Hause kam. Währenddessen winkte ich den Städtern, die in unseren Ort auf Sommerfrische kamen. Manchmal kamen sie heran um mich zu begrüßen, viele redeten in fremdländischen Sprachen mit mir. Ab und zu bekam ich Schokolade oder Bonbons von den Sommergästen zugesteckt.

An meinem siebten Geburtstag verrieten Mama und Papa mir, dass Mama ein Kind erwartete. Ich durfte an ihrem Bauch fühlen, wie es trat und sich bewegte.
Papa war die letzten Jahre kaum zuhause gewesen, er hatte oft gearbeitet, manchmal war er tagelang nicht von seinen Reisen zurückgekehrt. Als das Baby da war, wurde alles anders. Etwas stimmte nicht mit ihm. Es sei krank und könnte sich nicht richtig bewegen, vielleicht niemals gehen, erklärten meine Eltern mir.
Papa war fortan öfter zuhause. Er spielte mit dem kleinen Mädchen, das immer lustig mit den Augen rollte. Ich war traurig. Mit mir hatte Papa nie so viel gespielt. Ich blieb draußen und winkte den Zügen nach.

Meine Schwester und ich wuchsen heran. Nicht nur mit ihrem Körper war etwas falsch, auch ihr Kopf funktionierte nicht richtig, sagte mir Papa. Er verbrachte viel Zeit mit ihr. Er wollte sie wieder gesund machen, mit ihr gehen und reden üben, sagte mein Vater verzweifelt. Mein Vater hatte auf seinen Reisen viel gehört, schlimme Dinge. Er wollte nicht mit uns darüber reden, nicht einmal mit Mama. Er sagte nur, er müsste meine Schwester gesund machen, bevor es zu spät war. Ich war nicht mehr eifersüchtig auf sie.

Der darauffolgende Sommer war seltsam. Statt den fröhlichen Sommerfrischlern blickten verängstigte Menschen aus den Zügen. Sie standen dicht an dicht in zerlumpten Kleidern nebeneinander. Die Züge hielten für gewöhnlich nicht mehr, sondern fuhren durch die Station. Ich winkte, manche winkten verzagt zurück, doch niemand schien sich wirklich zu freuen, Zugfahren zu dürfen.

Eines Morgens flatterte ein Brief in unser Haus. Darin stand, dass meine kleine Schwester in ein Krankenhaus fahren sollte, wo ihr geholfen werden konnte. Mein Vater wurde kreidebleich. Ich verstand nicht, was er hatte – ich hielt das mit meinen elf Jahren für eine gute Idee. Die Ärzte würden ihr vielleicht helfen können. Aber mein Vater weigerte sich, sie gehen zu lassen. Tage späte klopfte es an unsere Tür. Mama öffnete, ich war gleich hinter ihr. Ich war neugierig, denn wir bekamen nur selten Besuch.

Zwei Männer standen da und lächelten nicht. Sie kämen um meine kleine Schwester jetzt abzuholen, für die Kur im Krankenhaus. Mama zitterte. Das Zittern war auch in ihrer Stimme, als sie meinen Vater rief. Er kam, mit seiner Tochter auf dem Arm. Sie rollte lustig mit den Augen.
„Ist das denn wirklich notwendig?“, flehte mein Vater und drückte sein Kind fest an sich. „Sehen Sie sie doch an, sie tut keiner Fliege etwas zuleide…“
„Aber sie ist krank“, gab einer der Männer harsch zurück und streckte die Hand nach dem kleinen Mädchen aus. Mama schluchzte in ihre Schürze hinein.

„Wenn sie gehen muss, gehe ich mit ihr“, erwiderte mein Vater mit fester Stimme.
„Das ist eine Dummheit“, gab der zweite Mann zurück. Ohne ein weiteres Wort zu den Männern beugte sich mein Vater zu meiner Mutter herunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er flüsterte ihr beruhigende und entschuldigende Worte zu.
Dann strich er mir sanft übers Haar und sagte: „Pass gut auf deine Mama auf.“
Ich lief ihm bis zum Zaun nach, sah, wie er aufrecht und würdevoll in den wartenden Zug stieg, der zum ersten Mal seit langem in der Station hielt. Darin saßen die traurigen Menschen. Papa winkte, während eine Träne seine Wange hinunterrollte. Meine kleine Schwester hielt er sicher auf dem Arm.

Er winkte. Ich winkte zurück, während sich der Zug langsam in Bewegung setzte, über die Schienen losratterte, einem unbekannten Ziel zu. Ich winkte und winkte immer noch, als der Zug längst verschwunden war. Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater und meine Schwester sah. Züge sah ich noch viele, doch ich winkte nicht mehr.
Der letzte Zug war abgefahren.

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#8 Opapa, erzähl mir vom Krieg!

4. Februar 2010 at 18:34 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , )

„Opapa, warum ist dein Bein aus Holz?“, fragte die kleine Sabine und kletterte auf den Schoß ihres Großvaters.
„Wegen dem Krieg, Bienchen“, antwortete er und fuhr ihr mit der Hand liebevoll übers Haar.
„Aber warum bekommt man da ein Holzbein? Opapa, erzähl mir vom Krieg!“, sah sie ihn mit großen Augen an.
„Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen, dann wirst du es vielleicht verstehen“, sagte der Großvater und seine Enkelin machte es sich auf seinem Schoß bequem.

„Es waren einmal viele Schafherden, die lebten auf einer großen Wiese. Jede Herde hatte ihr eigenes umzäuntes Gehege. Manchmal stritten die Schafe miteinander, doch im Großen und Ganzen lebten sie friedlich miteinander.
Eines Tages sprang ein Schaf über den Zaun in ein anderes Gehege. Das Tier begann dort zu erzählen, dass es bessere und schlechtere Schafe gab. Es erklärte, dass nur die guten Schafe es verdient hätten, zu überleben. Die anderen Schafe verstanden nicht ganz, was gemeint war, aber sie blökten und nickten. Sie dachten, sie gehörten zu den Guten.
Bald begann das Schaf, das aus dem anderen Gehege gekommen war, Freunde auszuwählen. Es gab ihnen den Auftrag, nach Schafen zu suchen, deren Fell etwas anders gefärbt war, nicht ganz weiß. Und zu diesen Schafen sollten sie schrecklich gemein sein.
Eines der Tiere wollte das aber nicht tun und sagte das auch. Das gefiel dem führenden Schaf aber gar nicht und so wollte es das widerspenstige Schaf davonjagen.
Und so geschah es. Die neuen Freunde des Schafes aus dem anderen Gehege jagten und hetzten das Tier, das sich gegen sie gestellt hatte. Es musste über Zäune springen und so schnell laufen, wie der Wind und irgendwo auf dem Weg verletzte es sich das Bein. Es fiel hin und stellte sich tot und endlich hörten die anderen mit ihrer wilden Jagd auf und kehrten zu ihrem Anführer-Schaf zurück.
‚Mäh‘, sagte dieses und streckte ein Bein triumphierend in die Luft. ‚Mäh, mäh, mäh‘, antworteten die anderen Schafe und taten es ihm gleich…“

„Opapa“, unterbrach die kleine Sabine, „das ist aber keine schöne Geschichte…“
„Nein, meine Kleine, der Krieg ist nicht schön.“
„Bist du in der Geschichte das Schaf mit dem verletzten Bein?“
„Ja, Schätzchen, das hast du gut verstanden.“
„Machen Schafe so etwas wirklich?“, fragte sie und sah ihren Großvater ängstlich an.
„Manchmal, Bienchen, manchmal. Und auch wir Menschen müssen uns vor denjenigen in Acht nehmen, die behaupten, dass es unter uns Bessere und Schlechtere gibt und nur die ‚Guten‘ Rechte haben.“

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