#23 Bilanz ziehen

16. Juli 2010 at 19:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Zwei Papierstapel türmten sich vor ihm auf dem Schreibtisch auf. Mit dem Zeigefinger fuhr er langsam an der Kante eines Stapels entlang, so dass die Blätter raschelten. Es war der erste Tag seiner Pensionierung – und was hatte er schon zu tun, außer sein Leben in Aktenmappen abzuheften?

Er nahm den obersten Zettel des linken Stapels in die Hand. Es war sein erster Arbeitsvertrag, den er unterschrieben hatte, vor vierzig Jahren, gleich nach dem Studium. Es war auch das Jahr, indem er mit Cécile zusammenzog. Endlich verdiente er eigenes Geld als Angestellter bei einem Steuerberater.
Cécile war etwas jünger als er, sie studierte noch und sie hatten das ganze letzte Jahr aufgeregt ihrer neuen Freiheit entgegengefiebert. Eine eigene Wohnung! Keine verschämte Stille, wenn sie wieder einmal spät in der Nacht ins Haus seiner Eltern zurückgekommen waren…

Lohnzettel und Kontoauszüge stapelten sich aufeinander. War die Miete für die Wohnung am Stadtrand wirklich so teuer gewesen? Die kleine Dreizimmerwohnung war tatsächlich sehr schön gewesen, in ruhiger Lage, mitten im Grünen. Perfekt für die Kinder, die sie eines Tages haben wollten.
Die Summen auf dem Lohnzettel wurden höher. Nein, die Beförderung hatte er noch nicht bekommen, das würde erst Jahre später passieren, wenn sein stets gereizter Chef in Pension gegangen war. Wie mochte dieser strenge Mann die neugewonnenen Unmengen an Zeit wohl gefüllt haben? Vielleicht hatte er sich ein Haus auf Mallorca gekauft und seine Tage damit verbracht, Mädchen am Strand beim Sonnen zuzusehen.

Hier, sein erster eigener Urlaubsantrag. Wie sehr hatten Cécile und er sich doch gefreut, endlich einmal Süditalien zu besuchen! Sie hatten nie Geld für teure Urlaube gehabt, aber jetzt wo er so fleißig arbeitete und gut verdiente, konnten sie sich diesen Luxus leisten. Überdies hatte er zwei Jahre ohne richtigen Urlaub durchgehalten, um die ärgsten Schulden zu tilgen. Cécile hatte mittlerweile ihr Studium beendet und es war in einem romantischen kleinen Hotelzimmer in Süditalien, in dem das erste Kind des Paares gezeugt wurde. Hoch und heilig hatte er in dieser Nacht versprochen, weniger zu arbeiten und sich ganz auf seine kleine Familie zu konzentrieren, wenn das Kind erst auf der Welt war.

Er fuhr damit fort, die Lohnzettel und Kontoauszüge zu lochen und in eine Mappe zu heften. Die Überstunden wurden nicht weniger.
Sechs Jahre dauerte es, bis Cécile zum ersten Mal aufbegehrte und ihm drohte, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht mehr Zeit für sie und die Kleine nahm. Er hatte die Abschlussfeier im Kindergarten versäumt, weil ein Kunde dringend einen Termin benötigte.
Céciles Vorwürfe blieben nicht ungehört. Der nächste Zettel war ein weiterer Urlaubsantrag. Eine Woche Spanien, ihre Tochter sollte zum ersten Mal das Meer sehen. Cécile war zur Versöhnung bereit und bald war das nächste Kind unterwegs ins Leben.

Er blätterte weiter. Tatsächlich, die Überstunden gingen zurück. Es war ja wirklich nicht so, dass er sich nicht bemüht hätte, für seine Familie da zu sein – aber es war einfach immer so viel zu tun, in der Arbeit…
Hier, mit 38, die lang ersehnte Beförderung! Er wurde zum Geschäftsführer der Steuerberaterkanzlei ernannt. Es war eine glorreiche Krönung seiner Verdienste gewesen, es gab Sekt und Brötchen, doch die Freude war nicht ungetrübt. Einmal mehr mahnte ihn Cécile, mehr Anteil am Familienleben zu nehmen. Die letzten Jahre war sie alleine mit den Mädchen auf Urlaub gefahren.
Das Leben verlief weiter in seinen gewohnten Bahnen. Erst musste er sich in seiner neuen Position einarbeiten, dann beweisen, dass er sie wirklich verdient hatte, dann neue Kunden anwerben… Er heftete und heftete sein Arbeitsleben in die zweite dicke schwarze Mappe.

Eines Tages, es war einige Zeit nach seinem 42. Geburtstag, gestand Cécile ihm, dass sie einen anderen Mann kennengelernt hatte. Einen, der tatsächlich Zeit für sie und die Kinder hatte. Von den Ausflügen am Wochenende, von denen die Kinder immer mit strahlenden Augen heimkamen, hatte ihr Ehemann gar nichts bemerkt.
Man konnte Cécile nicht vorwerfen, dass sie nicht geduldig gewesen wäre. Drei weitere Jahre erduldete sie den Spagat, den er zwischen Arbeit und Familie zu machen versuchte. Seine Töchter Renée und Éloise waren inzwischen 11 und 18 Jahre alt und Cécile stellte ihn vor eine endgültige Entscheidung.

Ein Kündigungsschreiben. Dann ein Scheidungsantrag. Was hatte der hier verloren? Das war schließlich die gesammelte Dokumentation seines Arbeitslebens. Die privaten Dokumente hatte er anderswo aufgehoben.
Cécile hatte sich also von ihm scheiden lassen, kurz nachdem er seinen Job in Top-Position gekündigt hatte. Als sie dann Zeit füreinander hatten, merkten sie, dass sie einander nichts mehr zu sagen hatten. Wie das Leben so spielt. Gleich darauf ein neuer Arbeitsvertrag – Beschäftigungstherapie, bloß nicht nachdenken.

Er hörte auf, sein Leben in die zweite schwarze Mappe zu heften und warf den ganzen Krempel in die Altpapiertonne vor der Tür. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer, die er schon viel zu lange nicht mehr gewählt hatte. Wenn jetzt nicht Zeit war, etwas zu verändern, wann dann?
Er wünschte, er hätte sich schon früher Zeit dafür genommen. Er konnte die Vergangenheit nicht ändern, aber er wusste, was er in Zukunft tun würde:
„Renée, darf ich euch heute Abend besuchen kommen? Ich habe Antoine und die Kinder schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen… Soll ich den Kleinen vielleicht ein Bilderbuch mitbringen?“

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#19 Tanzen gehen

7. Mai 2010 at 20:08 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

„Oma“, atmete ich auf und griff nach ihrer faltigen Hand. „Wohin gehst du denn? Es gibt Mittagessen.“
„Mittagessen?“, fragte Oma und sah mich verwirrt an. „Aber es ist doch noch Vormittag…“
„Nein Oma, sieh mal.“ Ich zog meine linke Hand aus ihrer rechten, um ihr meine Armbanduhr hinzuhalten. Der kurze dicke Zeiger mit der rosaroten Fee war auf der Eins, der lange dünne mit dem silbernen Zauberstab auf der Zwölf. Ich runzelte die Stirn und dachte kurz nach. „Ein Uhr!“, rief ich dann triumphierend.

„Aber ich muss doch zum Fluss, Wäsche waschen…“, zögerte Oma. In der linken Hand hielt sie ein paar Strümpfe und ein spitzenbesetztes Unterleibchen.
„Bis zum Fluss ist es weit, Oma. Und du hast doch auch gar kein Waschmittel dabei! Wir geben das Mama, die tut das in die Waschmaschine.“ Ich zog an Omas Hand. Wir würden zehn Minuten gehen müssen, bevor wir zuhause waren und ich hatte schon einen Bärenhunger. Oma war ein ganzes Stück weit von daheim weggewandert.

Sie ließ sich von mir mitzerren. Wir gingen langsam, sie konnte nicht mehr so schnell. Sie blieb stehen, um zu reden. „Ich brauche das Gewand aber heute Abend, ich gehe doch zum Tanzen.“
Ich lachte. „Oma, du bist doch schon zu alt zum Tanzen!“
„Zu alt?“, sie sah mich fragend an und flüsterte ein wenig verängstigt: „Wie alt bin ich denn?“
Ich rechnete. Oma war dreiundsiebzig Jahre älter als ich, das hatte mir Papa gesagt. „Neunundsiebzig.“
„Neunundsiebzig?“, jetzt lachte sie. „Du irrst dich, Schwesterchen, neunzehn bin ich. Das Zählen müssen wir noch üben“, lächelte sie gütig auf mich hinab.

Ich sagte nichts. Oma spielte wieder. Jetzt war sie neunzehn und ich war ihre Schwester. In letzter Zeit spielte Oma öfter und anders als sonst. Mama hatte gesagt, ich solle ruhig mitspielen.
„Kann ich mit zum Tanzen?“, fragte ich. Vielleicht durfte ich dann abends mein schönes Kleid anziehen und Omas Perlenkette tragen.
„Nein, du bist noch zu klein. Außerdem…“ Sie zögerte. „Außerdem treffe ich mich heute mit Theo.“ Versonnen lächelte sie in die Ferne.
„Mit Opa?“, fragte ich. Opa war doch schon lange tot.
„Opa?“ Sie lachte. „So alt ist Theo auch nicht, dass du ihn Opa nennen kannst. Obwohl, mit seinen fünfundzwanzig Jahren ist er wohl fast ein Opa für dich…“ Sie lächelte weiter vor sich hin und schüttelte den Kopf.
Nach Omas Spielregeln zu spielen machte nicht immer Spaß. Früher hatte ich immer die Rollen bestimmen dürfen.

Wir waren zuhause angekommen. Mama wartete schon mit dem Essen. Sie schimpfte ein bisschen mit Oma, weil sie so weit weggegangen war. Oma verschränkte die Arme trotzig vor der Brust. „Ich gehe heute trotzdem zum Tanzen, Hausarrest gibst du mir keinen“, sagte sie, und ihre Stimme bekam ein gefährliches Zittern.
„Gut, dann gehst du eben tanzen“, sagte Mama und seufzte. Oma freute sich und verschüttete in der Aufregung die Hälfte ihrer Suppe.

Abends brachte Oma mich ins Bett. Sie war aufgeregt und schnaufte, als sie die Bettdecke um mich herum feststeckte. „Ich gehe heute mit Theo tanzen, Schwesterchen“, flüsterte sie mir zu. Ich nickte nur. Ich war müde und die Augen fielen mir schon zu.
„Lass dir morgen Früh eine Ausrede für die Eltern einfallen, falls ich noch nicht wieder da bin“, zwinkerte Oma mir verschwörerisch zu und küsste mich zur guten Nacht.

Am nächsten Morgen saß Oma noch nicht beim Frühstückstisch, als ich in die Küche kam. Mama weinte, Papa redete sanft auf sie ein und streichelte ihren Rücken.
„Wo ist Oma?“, fragte ich. Ich hatte vergessen, was sie mir am Vorabend aufgetragen hatte, als ich schon halb in tiefen Schlummer versunken war.
„Sie ist nicht vom Tanzen zurückgekommen“, sagte Papa bloß und strich mir sanft über den Kopf. Sie war also bei ihrem Theo geblieben.

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#13 Schnurre

20. März 2010 at 17:13 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , )

Schnurre trat ebenso plötzlich in unser Leben, wie sie wieder daraus verschwand. Sie saß einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem Fensterbrett und starrte mit großen grünen Augen in unsere Küche. Das Schälchen Milch, das wir ihr hinausstellten, rührte sie nicht an. Sie blieb einfach ganz still sitzen, die samtigen Pfoten ordentlich nebeneinander gestellt und verfolgte akribisch all unsere Bewegungen. Das Einzige, das sich außer ihren Augen bewegte, waren die Ohren, die sich ständig nach den verschiedenen Geräuschen richteten und der leicht zuckende Schweif.

Es war schon ein wenig unheimlich, wie die orange-rote Tigerkatze so regungslos auf unserem Fensterbrett saß und uns anstarrte. Nach einem Tag hatten wir die Prüfung bestanden: Sie neigte das Köpfchen und leckte das Milchschälchen leer, das wir ihr morgens frisch hingestellt hatten. Sie hatte unser gemeinsames Frühstück als Zeitpunkt für ihre Freundschaftserklärung gewählt, so dass es auch keinem Familienmitglied entgehen konnte.
Ich öffnete das Fenster und streckte freudig die Hand nach Schnurre aus, um ihr glänzendes Fell zu streicheln. Doch sie war zu solchen Annäherungen noch nicht bereit und sprang graziös vom Fensterbrett, um in schnellem Lauf und mit erhobenem Schweif Reißaus zu nehmen.
Einige bange Stunden vergingen, bevor sie es sich wieder auf dem Fensterbrett gemütlich machte. Vorsichtig stellte ich ihr als versöhnliche Geste ein neues Schüsselchen mit Milch hin. Ihre raue Zunge leckte einmal kurz über meinen Handrücken, als ich meine Hand von dem Schälchen zurückzog, so als ob sie meine Entschuldigung annehmen würde.

Drei weitere Tage vergingen so, bis ich einen neuerlichen Annäherungsversuch wagte. Diesmal ließ sie es zu, dass ich sie berührte – mehr sogar, sie schnurrte so laut, dass wir nicht anders konnten, als sie auf den Namen „Schnurre“ zu taufen. Fortan war unser Haus auch ihr Reich und auf leisen Pfoten durchquerte sie Zimmer für Zimmer, ehe sie ihren Schlafplatz in der kleinen Hängematte in meinem Kinderzimmer, wo die Stofftiere ihr Zuhause hatten, wählte.
Schnurre war eine angenehme Zimmergenossin. Das laute Brummen, das aus ihrer Brust drang, beruhigte mich und wirkte besser als Schäfchen zählen und sobald ich eingeschlafen war, verließ sie leise das Zimmer durch die stets offene Tür und ging ihren Nachtaktivitäten nach.

Umso ungewöhnlicher war es, als Schnurre einige Wochen später mitten in der mondlosen Nacht auf mein Bett sprang. Sie stolzierte eilig auf meinem müden Körper auf und ab, lief und kratzte an der ohnehin offenen Tür und stupste mich schließlich mit der Nase, als ich immer noch nicht aufwachen wollte.
Ich ignorierte sie und versuchte sie vom Bett zu schubsen, ich wollte meinen schönen Traum noch nicht verlassen. Doch sie ließ nicht locker und maunzte mir in dringlichem Tonfall ins Ohr.
Missmutig öffnete ich die Augen und starrte Schnurre feindselig an. Das konnte sie nicht beeindrucken. Sie sprang vom Bett und wartete an der Tür, von wo aus sie mir einen trotz der Dunkelheit erkennbaren bedeutungsvollen Blick zuwarf. Wieder maunzte sie, in einem eindeutigen Befehlston.
Seufzend tastete ich mit nackten Füßen nach meinen Schlapfen. Ich rümpfte die Nase – irgendetwas roch hier komisch. Als ich Schnurre ins Stiegenhaus folgte, schlug mir Rauch entgegen.

Als die Feuerwehr uns im letzten Moment aus dem brennenden Haus befreite, war Schnurre noch bei uns. Als wir aber einige Minuten später ins Auto steigen wollten, um zu Verwandten zu fahren, wo wir uns einquartieren konnten, war Schnurre verschwunden. So lange wir auch riefen und suchten, nirgends konnten wir die rot-orange Tigerkatze finden.
Wir sahen Schnurre nie wieder, wir hatten nie die Gelegenheit, uns bei ihr zu bedanken. Sie muss wohl weitergezogen sein, um eine andere Familie vor dem sicheren Tod zu bewahren.

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#12 Draußen

12. März 2010 at 18:32 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Er hob die Nase ein wenig an und schnupperte. Er sog die Frühlingsluft in sich auf. Es war ungewohnt, die Vögel so nahe zwitschern zu hören, die Sonne so warm auf der Haut zu spüren. Er hatte nach diesem jahrelangen Winter vergessen, wie sich der Frühling anfühlte.
Er war ein freier Mann, er konnte tun und lassen, was er wollte. Natürlich nichts, das gegen die Bewährungsauflagen verstieß. Aber er konnte Freunde besuchen, einen Kaffee trinken gehen, Bungee-jumpen, wenn er die Lust dazu verspürte.

Er stand noch eine ganze Weile regungslos in der Sonne, vor den Gefängnistoren, hinter denen jahrelang sein Zuhause gewesen war. Die Gedanken rasten in seinem Kopf, jagten einander in unglaublichem Tempo.
Wie es den Jungs wohl ging? Sie waren alle später als er in Haft gekommen, sie würden noch ein paar Jahre absitzen müssen. Ob er sie wohl einmal besuchen gehen könnte?
Und wo würde Rita jetzt wohnen? Würde sie ihn nach all der Zeit sehen wollen? Hatte sie ihm verziehen? Vermutlich nicht, immerhin hatte er die Person getötet, die sie noch mehr geliebt hatte, als ihn selbst.

Er klimperte mit dem Schlüssel, den man ihm gegeben hatte. Eine Sozialwohnung am Stadtrand, die ihm die Reintegration in die Gesellschaft erleichtern sollte. Helfen sollte, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Ebenso wie der Job in einer Autowerkstatt, den man ihm beschafft hatte. Eine Ablenkungstherapie, damit er nicht wieder rückfällig wurde und auf dumme Gedanken kam, so wie damals, als er arbeitslos, verlassen, allein und verzweifelt gewesen war.

Langsam setzte er sich in Bewegung, stieg in einen überfüllten Bus, kaufte eine Fahrkarte. Alltägliche Handlungen, die ihm so seltsam fremd erschienen, ungewohnt und ungeübt. Er sackte hilflos in einem Sitz zusammen. Die schwankenden Menschenkörper, die immer wieder an ihm streiften, unabsichtlich seine Haut, seine Kleidung und seine Tasche berührten, waren ihm unangenehm. Er war diese körperliche Nähe nicht mehr gewohnt, er fühlte sich bedrängt, schloss die Augen und zog sich gedanklich in den hintersten Winkel seines Kopfes zurück, wo er sich von dieser verwirrenden Welt abkapseln konnte.

Die Wohnung war spärlich eingerichtet, in einer grauen Wohnsiedlung, die wohl schon aus den Fünfzigern stammen musste. Er schnupperte wieder. Es roch nach Staub und Mottenkugeln. Hier hatte wohl länger niemand mehr gewohnt.
Er ging zum Telefon, das in der Diele auf einem kleinen Tischchen stand und hielt seine Hand lange Zeit unentschlossen über dem schwarzen Hörer. Schließlich ergriff er ihn und lauschte minutenlang dem monotonen „tuuut“ des Freizeichens. Mit zittrigen Fingern wählte er die einzige Nummer, die er noch auswendig wusste. Eine Tonbandstimme teilte ihm mit, dass es unter dieser Nummer keinen Anschluss gab.
Was tat er eigentlich hier? Was war das für ein Leben? Es würde ja doch nie wieder so werden, wie früher. Er spürte, dass auf seinem ganzen Körper mit tausend heißen Eisen „Mörder“ eingebrannt stand. Jeder musste das doch sehen. Und Rita würde ihm nicht vergeben. Sie hatte ja sogar ihre Nummer geändert.

Er hatte es in Filmen gesehen, er wusste, wie man es machte. Ob das Leder seines Gürtels stark genug sein würde? Würde es sein Gewicht so lange halten, bis er erstickt war, sein Herz aufgehört hatte, zu schlagen? Er war sich nicht sicher, doch er würde es probieren, er stieß den wackeligen Schemel unter sich weg und spürte mit Genugtuung, wie seine Kehle zugeschnürt wurde und er keine Luft mehr bekam.

Er hatte sich nie Gedanken über ein Leben nach dem Tod gemacht. Wozu auch, sein Platz wäre sowieso nicht im Himmel gewesen. Wenn man starb, sah man die Menschen wieder, die man liebte. Aber er hatte nicht gedacht, dass diese altern würden. Er musterte das Gesicht, das besorgt auf ihn herabsah. Es war so vertraut, aber doch so anders. Älter, reifer und irgendwie bedrückter als früher. Er konnte seinen Augen nicht trauen.
„Rita?“

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#11 Versäumte Gelegenheiten

5. März 2010 at 17:15 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Ich schrieb meinen ersten Liebesbrief im zarten Alter von neun Jahren. An Lilly, vielleicht nicht das hübscheste, aber das eleganteste, anmutigste Mädchen, das ich kannte. Ich wusste nicht, ob es der Ballettunterricht oder die Reitstunden waren, die ihre Grazie verursachten. Möglicherweise lag es aber auch einfach in ihrer Natur.
Obwohl ich mit meinen neun Jahren nicht viel von der Liebe verstand, war ich mir sicher: Ich wollte mit ihr zusammen sein.

 Mit vierzehn tat es mir plötzlich Leid, dass ich über Simons Liebesgeständnis gelacht hatte, vor fünf Jahren. Erst jetzt, viel zu spät, merkte ich, dass er anders war, als die anderen Jungen in seinem Alter. Nicht so kindisch und unreif, irgendwie erwachsener und nachdenklicher. Er war einer der wenigen, die es schafften, normal mit Mädchen zu reden. Er fand keinen Spaß daran, uns zu ärgern und aufzuziehen oder seinen Mut und seine Stärke vor uns zu beweisen. Er schien die Pubertät übersprungen zu haben. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass es mir einen Stich gab, wenn er mit anderen Mädchen redete und dass mein Herz schneller schlug, wenn er mit mir ein paar Worte wechselte. 

Mit vierzehn hatte ich meine erste Freundin. Sie war um zwei Jahre älter als ich – mit den Mädchen in meinem Alter konnte ich nicht viel anfangen. Wenn ich versuchte, normal mit ihnen zu reden, wurden sie rot, begannen zu stottern oder kicherten ununterbrochen. Ich verbrachte drei tolle Jahre mit Sarah. Bis sie sich dazu entschloss, ein Jahr im Ausland zu studieren. Wir entschieden uns, uns für diese Zeit zu trennen, unsere Beziehung erst wieder aufzunehmen, wenn sie zurück war.

Das letzte Schuljahr war viel zu schnell gekommen. Und ich wusste, dass es vielleicht meine letzte Chance war, Fehler in meiner Vergangenheit auszumerzen. Nach dem Abschluss würden wir uns vielleicht aus den Augen verlieren. Trotz meines Beschlusses fand ich erst am letzten Schultag den Mut, mit Simon zu reden und ein Treffen für den Sommer zu vereinbaren.

Als wir uns in einer lauen Sommernacht zum ersten Mal küssten, wusste ich wieder, warum ich mich schon mit neun Jahren in sie verliebt hatte. Jedoch hätte unser Timing nicht schlechter sein können – Sarahs begeisterte Erzählungen von ihren Erlebnissen in Amerika hatten mich neugierig gemacht. Also verließ ich einen Tag später meine Heimat, und Lilly, um selbst Erfahrungen in der großen weiten Welt zu sammeln. 

Es war hart, ihn gehen zu lassen, aber ich wusste tief in meinem Herzen, dass er zu mir zurückkommen würde. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war, dass ich mich während seiner Abwesenheit aus lauter Traurigkeit mit einem anderen Mann ablenken würde. Und nicht einmal im Traum hätte ich gedacht, dass ich schwanger werden würde, von einem anderen Mann als Simon. Eine einzige gedankenlose Nacht… 

Ich kam voller Hoffnung von meiner Reise zurück – Hoffnung, dass ich mein Leben zuhause von dort weiterleben könnte, wo es geendet hatte. Der Brief, der auf mich wartete, zerschlug diese Illusion. Lilly lebte jetzt mit dem Vater ihres ungeborenen Kindes zusammen. Enttäuscht stürzte ich mich in die Bemühungen, meine Beziehung mit Sarah wieder aufzuwärmen, während mein Herz lautstark protestierte. 

Ich sah ihn nur ein einziges Mal wieder, in der U-Bahn. Er war in ein Buch vertieft, die drängenden Menschenmassen um ihn herum schienen seine Konzentration nicht zu stören. Ich zögerte, doch dann versuchte ich, mich durch die eng zusammengepressten Körper zu quetschen, die quengelnden Kinder an meiner Hand. Als ich erneut zu ihm hinsah, war er schon bei der Tür und stieg aus. Er hatte mich nicht gesehen oder wollte mich nicht sehen. 

Ich sah sie nur ein einziges Mal wieder, im Park. Das junge Gesicht, das ich in Erinnerung hatte, war um so viel gealtert, in all den Jahren, dass ich mir zuerst nicht sicher war. Doch die Grazie, mit der sie sich auch jetzt noch bewegte, ließ keinen Zweifel zu. Als Zaungast sah ich eine Weile dabei zu, wie sie mit den vergnügten Enkelkindern spielte. Ich betrachtete für einen Augenblick ihr Leben, in dem ich keine Rolle mehr spielte, bevor ich mich umdrehte und den Weg zurückging, den ich gekommen war.

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#7 Alles was zählt

28. Januar 2010 at 18:49 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , )

„Na Schatz, hast du schon Pläne, was wir heute in einer Woche machen werden?“, fragte sie ihn und strich ihm liebevoll mit den Fingern durch die Haare.
„Sagen wir so“, antwortete er, „ich habe auf alle Fälle schon Pläne, was ich heute in einer Woche machen werde. Es ist der erste Donnerstag im Monat, Liebling, also was wohl? Da ist Fußball-Abend mit den Jungs angesagt!“ Ihre Hand verkrallte sich für einen kurzen Moment in seinen Haaren, bevor sie sie ruckartig zurückzog, was ihm ein wehleidiges Stöhnen entlockte.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“, fragte sie mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.
„Warum sollte ich über ein ordentliches Fußball-Match mit meinen Freunden scherzen?“, tat er so, als sei er sich keiner Schuld bewusst.
„Ich glaubs einfach nicht!“ Sie knallte ihm die zusammengerollte Fernsehzeitung auf den Kopf, die sie in der Hand gehalten hatte. „Es ist unser zweiter Jahrestag, schon vergessen? Ich kann es nicht glauben, so wenig bin ich dir also wert, dass du dir nicht einmal das merken kannst…“ Zornesröte stieg in ihr Gesicht. „Vielen Dank auch.“
„Aber Mäuschen, das war doch nur ein dummer Scherz“, er versuchte, den Arm um sie zu legen und sie auf seinen Schoß zu ziehen, „natürlich weiß ich das.“ Er tippte ein paar Tasten auf seinem Handy. „Sieh mal, heute Mittag habe ich schon bei deinem Lieblingsrestaurant angerufen und einen Tisch bestellt.“ Er lächelte sie an.

Sie stieß seine versöhnliche Hand weg, die nach ihrer tastete. „So, du findest das also lustig, solche Witze zu machen“, fauchte sie ihn an, „vielleicht bist du nicht der Mann, für den ich dich gehalten habe.“ Sie packte unterdessen ihre Geldbörse und die Autoschlüssel in ihre Handtasche. „Weißt du was, ich gehe und weiß nicht, wann ich wieder komme. Und das ist kein Scherz!“ Sie knallte die Haustür hinter sich zu, so dass die Gläser in der Küchenvitrine klirrten.
Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und dann durch die zerzausten Haare. Manchmal war es anstrengend, eine so emotionale Freundin zu haben. 

Sie ließ den Motor seines Autos an, ihre Hände zitterten vor Wut. Männer. Wann würden sie lernen, nachzudenken, bevor sie den Mund öffneten? Sie stieg aufs Gas.
Krachen. Der Knall eines platzenden Airbags. Brandgeruch.
Sie kämpfte sich aus dem Auto, aus dessen Motor schon erste Flammen züngelnd empor leckten. Sie war schnurstracks in einen riesigen Laster gefahren, der nun die Ausfahrt versperrte. Ein muskelbepackter junger Mann hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Nacken und zeigte ihr den Vogel.

Jemand packte sie von hinten und zog sie hinter die niedrige Gartenmauer, drückte sie zu Boden, ehe das Auto mit einem weiteren Krachen vollends Feuer fing. Ihr Freund kauerte neben ihr und betrachtete sie besorgt.
„Liebling, was ist denn passiert?“, fragte er sanft und ohne Vorwurf, obwohl es sein ganzer Stolz auf vier Rädern war, der da vor sich hin brannte. Ihr Körper bebte vor Schluchzern, die aus ihr herausbrachen, Tränen liefen ihr über die Wangen und sie konnte nicht sprechen, nur den Kopf schütteln.
Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. „Schhh, ganz ruhig, ich bin ja da. Du bist am Leben, wir sind zusammen und das ist alles was zählt.“

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#1 Abschied

8. Dezember 2009 at 00:42 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , )

Als ich erfuhr, dass ich sterben würde, weinte ich um mein Leben. Das, das ich hatte und das, das ich nie erleben würde. Ich dachte an meine Freunde und meine Familie, an all die Menschen, die ich zurücklassen würde. Ich dachte sogar an die wenigen, die ich nicht ausstehen konnte und ob es jetzt an der Zeit wäre, sich mit ihnen zu versöhnen oder sie wenigstens mit all ihren Macken so gut kennenzulernen, dass es mir unmöglich war, sie zu hassen. 

Gerne würde ich sterben und alles „in Ordnung“ hinterlassen, so dass jeder, der mich gekannt hatte, sagen würde: „Sie war eine fabelhafte junge Frau.“ Doch dann entschied ich mich dagegen – ich würde den Menschen meine Zeit widmen, die mich ohnehin schon liebten. 

In maximal – und maximal heißt, dass es auch morgen schon so weit sein könnte, wie der Arzt mehrmals betonte – in maximal drei Wochen also sollte es zu Ende sein. Die Schmerzen würden zunehmen, von Tag zu Tag ein bisschen mehr oder auch in Schüben. Wenn ich Glück hatte, so sprach der Doktor, würde es kürzer als drei Wochen dauern, schnell und schmerzlos über die Bühne gehen.

Glück nannte er das. 

Nein, ich wollte es auskosten, ich hatte mein Leben bewusst gelebt, also wollte ich auch bewusst sterben. Krank? In der Tat, ich bin krank, darüber besteht kein Zweifel. Lebensmüde? Bestimmt nicht. 

Ich dachte an all die Dinge, die ich noch erleben wollte – oder erleben hatte wollen.
Eine Weltreise machen.
Ein Buch schreiben.
Eine Familie gründen.
Im Lotto gewinnen.
Das Nordlicht sehen.
Von einem Mann auf dem Eiffelturm geküsst werden.
Einen Sonnenuntergang am Meer sehen.
Mit den Delfinen schwimmen… 

Ich hatte aufgehört zu weinen. Kurz schloss ich die Augen und machte meine Weltreise: Ich ging im Central Park in New York mit George Clooney spazieren, trank Tequila in Mexiko mit Männern mit ausladenden Sombreros auf dem Kopf, fuhr fröhlich mit finsteren Mafiosi auf einer Gondel durch Venedigs Kanäle, kletterte mit dem Kaiser von China auf der Chinesischen Mauer, streckte mit Nelson Mandela die Zehen ins Meer vor der Elfenbeinküste… 

Auf meiner Weltreise erledigte ich noch schnell einige andere Dinge auf meiner Liste. Schade war nur, dass ich keine Fotos machen konnte. Aber mit der richtigen Software würde sich da wohl etwas zusammenschneiden lassen.
Ich öffnete die Augen wieder. Ich war etwas müde nach meiner Weltreise, der Jetlag machte mir ein wenig zu schaffen, aber ich war nicht mehr traurig. 

Wenn du weißt, dass du sterben wirst, verlieren die materiellen Dinge an Wichtigkeit. Was zählt, sind die Erinnerungen, die du in der Welt zurücklässt. Da waren Momente, die bleiben würden, auch wenn ich ging. 

Der Abend in Kindertagen, an dem meine beste Freundin und ich uns Geschichten erzählt hatten, bis wir einschliefen, als die ersten Sonnenstrahlen uns an der Nase kitzelten. 

Der Tag, an dem mein Vater mir das Fahrradfahren beibrachte und am Ende erschöpfter war als ich, weil er immer hinter mir her laufen hatte müssen.

Der Morgen, an dem meine Mutter mich weckte, indem sie mir eine kleine Katze aufs Bett setzte, die im Nu ein fixer Bestandteil unserer kleinen Familie war.

Die Viertelstunde, die ich mich an meinen Bruder festkrallte, als er mich letzte Woche in waghalsigem Tempo auf seinem klapprigen alten Moped zum Bahnhof brachte. 

Der Vormittag, als ich mit meiner kleinen Schwester das Lesen übte, mit meinem Lieblingskinderbuch. 

Mein erster Kuss in irgendeinem verrauchten Partykeller mit einem Jungen, der nun schon lange keine Zahnspange mehr hatte. 

Und schließlich der Tag, an dem wir alle zusammen Omas Geburtstag gefeiert hatten, draußen im Garten, und es plötzlich so stark zu regnen begonnen hatte, dass wir alle klatschnass waren und uns vor lauter Lachen nicht mehr einkriegen konnten.

Ob sich meine Liebsten an dieselben Dinge erinnern würden, wie ich? Vermutlich nicht. Es würden andere Momente sein, die sie an mich erinnerten. Vielleicht würden sie an mich denken, wenn sie einen Kirschkuchen buken, einen Spaziergang durch den Herbstwald machten oder sich den Kopf an der Autotür stießen. Wer weiß. 

Ich lächelte. Und lebte glücklich und zufrieden bis an mein Lebensende, weil ich wusste, dass ich in den Gedanken derer die mich liebten weiterleben würde.

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