#31 Jonas und ich

20. November 2010 at 14:48 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , , , , , )

Wie jeden Sonntag winkte ich dem roten Auto nach, in dem Jonas wieder in den Alltag zurückkehrte, bis es um die Ecke bog und verschwand. Ich fröstelte, es begann kalt zu werden und die Tage wurden immer kürzer. Ich zog die Weste enger um mich, nahm die Post aus dem Briefkasten und verschwand in meine kleine Wohnung.

Die Sonntage waren immer viel zu kurz. Es gab tausende Dinge, die ich Jonas beibringen und zeigen wollte, es gab so viel zu erforschen, das ihm nicht entgehen durfte. Die Sonntage waren der Lichtblick meiner Woche und die Besuche von Jonas der einzige regelmäßige soziale Kontakt, den ich pflegte. Jonas war mir wichtig, Jonas war schließlich mein Sohn.

Als er auf die Welt kam, hatte ich versprochen, dass alles anders werden würde. Ich würde weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Ich würde die Forschung erstmalig nicht den vordersten Platz auf meiner Prioritätenliste einnehmen lassen. Ich würde mit den Gedanken nicht mehr im Labor sein, wenn ich nach Hause kam, sondern ganz bei Jonas. Ich würde, ich würde… Natürlich kam es anders.

Es begann mit einem Experiment, das ich noch fertigstellen wollte, bevor ich mich endlich niederließ und häuslich wurde, so wie man das von Menschen in meinem Alter erwarten konnte. Das Experiment war vielversprechend und das Ergebnis umso mehr: Wir waren einen gewaltigen Schritt weiter in der Forschung zur Bekämpfung von Krebs. Wie hätte ich da aufhören können? Wie hätte ich meine jahrelangen Bemühungen an diesem Punkt in die Hände eines anderen Forschers legen können? Ich dachte, ich wäre so kurz vor dem Ziel und in ein, zwei oder auch drei Monaten würde ich die Hände in den Schoß legen können und das Familienleben genießen – nachdem ich ein Verfahren entwickelt hatte, um die bösartig wuchernden Krebszellen dauerhaft unschädlich zu machen.

Doch nach diesem wegweisenden Experiment ging es nur langsam voran. Ein Schritt nach vorne, zwei zurück, das schien das neue Muster zu sein, nachdem meine Forschung ablief. Aus Monaten wurden Jahre. Ich versäumte Jonas erste Schritte, seine ersten Worte und auch seine ersten Experimente (was passiert mit dem Goldfisch, wenn ich ihn im Klo runterspüle und ähnliche Versuche). Dann kamen die Scheidung und der Entzug des Sorgerechts. Was übrig blieb, waren die Sonntage. Die Sonntage, an denen ich versuchte, meinem mittlerweile siebenjährigen Sohn zu zeigen, was ich den Rest der Woche machte und warum ich nicht nach Hause kommen konnte, obwohl ich ihn liebte.

Ich kann nur hoffen, dass er eines Tages, wenn er älter ist, zurückblicken kann und sagt, dass seine Kindheit, obwohl er nicht beide Elternteile stets um sich hatte, gut war. Dass er die Sonntage genossen hat und vielleicht sogar, dass sie ihn dazu motiviert haben, selbst in die medizinische Forschung zu gehen. Und dass er stolz auf seine Mutter ist, die bis dahin hoffentlich einen Weg gefunden hat, die Menschheit von Krebs zu heilen.

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#23 Bilanz ziehen

16. Juli 2010 at 19:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , )

Zwei Papierstapel türmten sich vor ihm auf dem Schreibtisch auf. Mit dem Zeigefinger fuhr er langsam an der Kante eines Stapels entlang, so dass die Blätter raschelten. Es war der erste Tag seiner Pensionierung – und was hatte er schon zu tun, außer sein Leben in Aktenmappen abzuheften?

Er nahm den obersten Zettel des linken Stapels in die Hand. Es war sein erster Arbeitsvertrag, den er unterschrieben hatte, vor vierzig Jahren, gleich nach dem Studium. Es war auch das Jahr, indem er mit Cécile zusammenzog. Endlich verdiente er eigenes Geld als Angestellter bei einem Steuerberater.
Cécile war etwas jünger als er, sie studierte noch und sie hatten das ganze letzte Jahr aufgeregt ihrer neuen Freiheit entgegengefiebert. Eine eigene Wohnung! Keine verschämte Stille, wenn sie wieder einmal spät in der Nacht ins Haus seiner Eltern zurückgekommen waren…

Lohnzettel und Kontoauszüge stapelten sich aufeinander. War die Miete für die Wohnung am Stadtrand wirklich so teuer gewesen? Die kleine Dreizimmerwohnung war tatsächlich sehr schön gewesen, in ruhiger Lage, mitten im Grünen. Perfekt für die Kinder, die sie eines Tages haben wollten.
Die Summen auf dem Lohnzettel wurden höher. Nein, die Beförderung hatte er noch nicht bekommen, das würde erst Jahre später passieren, wenn sein stets gereizter Chef in Pension gegangen war. Wie mochte dieser strenge Mann die neugewonnenen Unmengen an Zeit wohl gefüllt haben? Vielleicht hatte er sich ein Haus auf Mallorca gekauft und seine Tage damit verbracht, Mädchen am Strand beim Sonnen zuzusehen.

Hier, sein erster eigener Urlaubsantrag. Wie sehr hatten Cécile und er sich doch gefreut, endlich einmal Süditalien zu besuchen! Sie hatten nie Geld für teure Urlaube gehabt, aber jetzt wo er so fleißig arbeitete und gut verdiente, konnten sie sich diesen Luxus leisten. Überdies hatte er zwei Jahre ohne richtigen Urlaub durchgehalten, um die ärgsten Schulden zu tilgen. Cécile hatte mittlerweile ihr Studium beendet und es war in einem romantischen kleinen Hotelzimmer in Süditalien, in dem das erste Kind des Paares gezeugt wurde. Hoch und heilig hatte er in dieser Nacht versprochen, weniger zu arbeiten und sich ganz auf seine kleine Familie zu konzentrieren, wenn das Kind erst auf der Welt war.

Er fuhr damit fort, die Lohnzettel und Kontoauszüge zu lochen und in eine Mappe zu heften. Die Überstunden wurden nicht weniger.
Sechs Jahre dauerte es, bis Cécile zum ersten Mal aufbegehrte und ihm drohte, ihn zu verlassen, wenn er sich nicht mehr Zeit für sie und die Kleine nahm. Er hatte die Abschlussfeier im Kindergarten versäumt, weil ein Kunde dringend einen Termin benötigte.
Céciles Vorwürfe blieben nicht ungehört. Der nächste Zettel war ein weiterer Urlaubsantrag. Eine Woche Spanien, ihre Tochter sollte zum ersten Mal das Meer sehen. Cécile war zur Versöhnung bereit und bald war das nächste Kind unterwegs ins Leben.

Er blätterte weiter. Tatsächlich, die Überstunden gingen zurück. Es war ja wirklich nicht so, dass er sich nicht bemüht hätte, für seine Familie da zu sein – aber es war einfach immer so viel zu tun, in der Arbeit…
Hier, mit 38, die lang ersehnte Beförderung! Er wurde zum Geschäftsführer der Steuerberaterkanzlei ernannt. Es war eine glorreiche Krönung seiner Verdienste gewesen, es gab Sekt und Brötchen, doch die Freude war nicht ungetrübt. Einmal mehr mahnte ihn Cécile, mehr Anteil am Familienleben zu nehmen. Die letzten Jahre war sie alleine mit den Mädchen auf Urlaub gefahren.
Das Leben verlief weiter in seinen gewohnten Bahnen. Erst musste er sich in seiner neuen Position einarbeiten, dann beweisen, dass er sie wirklich verdient hatte, dann neue Kunden anwerben… Er heftete und heftete sein Arbeitsleben in die zweite dicke schwarze Mappe.

Eines Tages, es war einige Zeit nach seinem 42. Geburtstag, gestand Cécile ihm, dass sie einen anderen Mann kennengelernt hatte. Einen, der tatsächlich Zeit für sie und die Kinder hatte. Von den Ausflügen am Wochenende, von denen die Kinder immer mit strahlenden Augen heimkamen, hatte ihr Ehemann gar nichts bemerkt.
Man konnte Cécile nicht vorwerfen, dass sie nicht geduldig gewesen wäre. Drei weitere Jahre erduldete sie den Spagat, den er zwischen Arbeit und Familie zu machen versuchte. Seine Töchter Renée und Éloise waren inzwischen 11 und 18 Jahre alt und Cécile stellte ihn vor eine endgültige Entscheidung.

Ein Kündigungsschreiben. Dann ein Scheidungsantrag. Was hatte der hier verloren? Das war schließlich die gesammelte Dokumentation seines Arbeitslebens. Die privaten Dokumente hatte er anderswo aufgehoben.
Cécile hatte sich also von ihm scheiden lassen, kurz nachdem er seinen Job in Top-Position gekündigt hatte. Als sie dann Zeit füreinander hatten, merkten sie, dass sie einander nichts mehr zu sagen hatten. Wie das Leben so spielt. Gleich darauf ein neuer Arbeitsvertrag – Beschäftigungstherapie, bloß nicht nachdenken.

Er hörte auf, sein Leben in die zweite schwarze Mappe zu heften und warf den ganzen Krempel in die Altpapiertonne vor der Tür. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer, die er schon viel zu lange nicht mehr gewählt hatte. Wenn jetzt nicht Zeit war, etwas zu verändern, wann dann?
Er wünschte, er hätte sich schon früher Zeit dafür genommen. Er konnte die Vergangenheit nicht ändern, aber er wusste, was er in Zukunft tun würde:
„Renée, darf ich euch heute Abend besuchen kommen? Ich habe Antoine und die Kinder schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen… Soll ich den Kleinen vielleicht ein Bilderbuch mitbringen?“

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