Weihnachtsmärchen: Teil 14

14. Dezember 2013 at 06:21 (Weihnachtsmärchen) (, , , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Igor selbst war erst drei Jahre alt gewesen, darum war seine Erinnerung nur sehr schemenhaft. Er konnte sich an den hellen Lichtblitz erinnern, das Schreien seiner Mutter, den verzweifelten Versuch seines Vaters, ihr zu helfen. Und dann wurde seine Erinnerung von Nebel verschlungen, von denselben nebeligen Rauchschwaden, die ihn fast selbst das Leben gekostet hätten, wenn nicht der Nachbar rechtzeitig die Feuerwehr gerufen hätte.

Werbeanzeigen

Permalink Schreibe einen Kommentar

Weihnachtsmärchen: Teil 13

13. Dezember 2013 at 06:19 (Weihnachtsmärchen) (, , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Tagelang verbrachte Igor damit, jedes kleinste Detail aus Boris herauszukitzeln, das er über seinen Urgroßvater wusste. Doch irgendwann wollte Boris eine Gegenleistung dafür, dass Igor ihm Löcher in den Bauch fragte. Er wollte auch ein Geheimnis hören. Und da Igor nichts Besseres einfiel, erzählte er Boris das Wenige, das er über seine Eltern wusste – wie sie gestorben waren.

Permalink Schreibe einen Kommentar

#54 Ohne Worte

29. März 2013 at 19:17 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , )

Die Schwestern Irina und Renate hatten bis auf ein paar gemeinsame Verwandte und die blauen Schirme, die es beim Supermarkt zu kaufen gab, nichts gemeinsam. Sie lebten zwar in derselben Stadt, doch sie sahen einander so selten, dass es schien als wäre die Reise von der einen zur anderen unendlich lang und beschwerlich; eine Reise die zu viel Kraft kostete um sie oft anzutreten.

Nicht einmal ihre Kindheitserinnerungen waren dieselben: Wenn Irina sich daran erinnerte, dass sie früher mit Mutter im Wald Pilze suchen waren, konnte sie sich sicher sein, dass Renate ihr widersprach und darauf bestand, dass es Vater gewesen war. Nach unzähligen Diskussionen hatten sie aufgehört zu versuchen, ihre Erinnerungen in Einklang zu bringen. Irgendwann später hörten sie generell auf, über persönliche Dinge zu reden. Es war zu schwierig sich einzugestehen, dass sie einander doch ähnlicher waren als sie sein wollten.

Es war einer jener trüben, regnerischen Nachmittage an dem Irina von einer unbeschreiblichen Einsamkeit erfasst wurde, die sie frösteln ließ, während die leere Wohnung immer größer, stiller und unheimlicher zu werden schien. Bevor Irina in einen Zustand der innerlichen und äußerlichen Erstarrung zu verfallen drohte, griff sie nach dem Telefon und wählte seit langem einmal wieder Renates Nummer.

Es klingelte fünf Mal, bevor Renate abhob. „Nati“, keuchte Irina, deren Atmung beim Warten auf die Entgegennahme ihres Anrufs ganz aus dem Rhythmus gekommen war, „können wir spazieren gehen? Ich hole dich in einer Viertelstunde ab.“ „Ja“, sagte Renate, „bis dann, Ina.“

Irina würde es sich nie eingestehen, aber Renates Einsilbigkeit war einer jener Charakterzüge, den sie in den letzten Jahren erst zu schätzen gelernt hatte. Als sie jünger war und versucht hatte, den Rat ihrer älteren Schwester zu erbitten, hatte es sie oft in den Wahnsinn getrieben, wenn Renate in ihrer wortkargen Art, sei es nun absichtlich oder unabsichtlich, nichts von ihrer Weisheit preisgeben wollte. Renate stellte keine Fragen und bat auch nicht um Hilfe, sie stellte höchstens einmal eine Tatsache in den Raum.

Mit ihren blauen Schirmen gegen den Nieselregen gewappnet, gingen die beiden Mittsechzigerinnen nebeneinander her. Sie wahrten einen beträchtlichen Abstand zwischen einander und achteten darauf, sich auch seelisch nicht zu nahe zu kommen, da sich keine von ihnen verletzbar machen wollte. Die Wunden aus ihrer Kindheit waren noch lange nicht geheilt.

„Inchen“, sagte Renate nach einigen hundert Metern und stützte sich dabei schwer auf ihren Stock, „Johann wird bald sterben.“ Irina sagte nichts, sie nickte nur. Sie fühlte sich außerstande, die Schwester zu umarmen, damit würde sie eine Grenze überschreiten, die die beiden Schwestern schon vor Jahren in einem stillen Abkommen gezogen hatten.

Irina dachte an Johann. Sie sah ihn nicht oft, denn er mochte es nicht, wenn Besucher ins Haus kamen und Irina wäre nie auf die Idee gekommen, Renate und ihn zu sich einzuladen. Sie wusste auch nichts über die Beziehung zwischen den beiden. Das einzige, das Renate ihr jemals erzählt hatte, war, dass er eifersüchtig darauf war, dass Renate und Irina sich bei ihren Kosenamen riefen. Zeit seines Lebens war er für Renate immer nur Johann gewesen, nicht Hans oder Hansi wie bei seinen Eltern und Jugendfreunden, immer nur Johann. Und jetzt würde er bald sterben.

„Sein Herz tut’s nicht mehr lang“, fügte Renate hinzu und wieder nickte Irina, ohne sich sicher zu sein, ob ihre Schwester ihr Nicken überhaupt bemerkte. Irina selbst hatte nie einen Mann gehabt, nicht einmal einen wirklichen Liebhaber. Sie wusste nicht, welchen Trost man in so einer Situation anbieten sollte. In diesem Moment verfluchte sie ihre Eltern und ihre Lehrer, die ihr nichts darüber beigebracht hatten, wie man seine Liebe und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringt.

„Ruf mich an, wenn es so weit ist, Nati“, war alles, was sie aus den dunklen Tiefen ihres erstarrten Herzens hervorholen konnte. Mehr konnte sie ihrer Schwester nicht geben. Vielleicht dann, wenn der Schmerz am größten war und alle Berührungsängste vor dem Angesicht des Todes ihre Relevanz verloren. Vielleicht dann.

Permalink 2 Kommentare

#49 Einsamkeit mit Kater

18. März 2012 at 21:33 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Im Alter von siebenundsechzig Jahren, drei Tage nach seinem Geburtstag, den er wie schon seit langer Zeit in seinem Appartement mit Blick auf den großen immergrünen Park verbrachte, mit einem Stück Marillenkuchen und einer einzelnen rosa Nelke vor sich, die die Bäckerin für ihn zu diesem speziellen Anlass aus der Vase auf der Theke gezupft und ihm mit einem mitleidigen Lächeln in die Hand gedrückt hatte, stellte er fest, dass niemand ihn vermissen würde, wenn er eines Tages – vielleicht in gar nicht allzu ferner Zukunft – diese Welt verlassen würde.
Sicher, Kater Parzival würde schrecklich laut mit seiner schrillsten Katzenstimme miauen und seine Krallen an der Tür wetzen, wenn er sein Futter nicht pünktlich bekam. Manchmal war er sich nicht sicher, ob der Kater nicht in seinem letzten Leben ein Hund gewesen war, so wie er sich manchmal benahm. Er sabberte jedenfalls wie einer. Aber Parzival würde ihn nicht vermissen, es gab keine loyalen Kater, der würde nur den Gourmetstückchen vom Rind nachtrauern.

Wenn er an die alten Leute dachte, die er früher, Jahrzehnte früher, besucht hatte, als er noch nicht selbst entscheiden durfte, was er tun wollte und was nicht, dann hatten die zwischen den verstaubten Häkeldeckchen, alten Kaffeetassen, Porzellanfiguren und uralten, vergilbten Büchersammlungen immer Fotos stehen. Gerahmte Bilder in Schwarz-Weiß oder Farbe, mit glücklichen, lachenden Menschen darauf, die Hochzeiten und Taufen feierten oder einfach nur, dass sie am Leben waren. Die Einsamkeit legte sich wie ein schwarzes Tuch um seine Schultern und ließ ihn frösteln.
Er drückte sich tiefer in den Lehnsessel, aus dem er sich später mühsam heraushieven würde müssen, wenn er zum gefühlten zwanzigsten Mal an diesem noch jungen Tag auf die Toilette gehen musste und betrachtete sein bilderloses Wohnzimmer. Er durfte einfach keinen Kaffee mehr trinken. Allein wegen seinem Blutdruck. Aber wozu sollte er seinen Blutdruck niedrig halten?
Manchmal stellte er sich vor, dass er so viel von der schwarzen, starken Brühe (mit viel Zucker, versteht sich) trinken würde, dass seine Adern platzten. Alle gleichzeitig, in seinem Leben musste alles schnell gehen, er hatte noch nie Zeit zum Warten gehabt.

Der Fernseher glotzte ihm stumm entgegen. Er war der einzige hier, der Bilder von bekannten Menschen zeigte. Bekannt, aber keine Freunde. Er hatte nur ein einziges Mal eine Schauspielerin getroffen und das war ein großer Fehler gewesen. Fast hätte er sich in sie verliebt und dann hätte sie seinen ganzen Lebensplan durcheinander gebracht. Von einem Tag auf den anderen hätte sich Chaos breitgemacht und er hätte nie die Karriereleiter in dieser beachtlichen Geschwindigkeit erklommen.
Dabei war sein Lebensplan vielleicht gar nicht so gut gewesen, wie er anfangs gedacht hatte. Das kam ganz darauf an, was man sich vom Leben eigentlich erwartete. Natürlich war es nett gewesen, nie Geldsorgen haben zu müssen, sich immer alles leisten zu können, schöne Frauen zum Essen oder zu einer Reise einladen zu können. Aber dafür hatte er ja auch hart gearbeitet. Man musste ja Prioritäten setzen.

Gutgemeinte Ratschläge und die Personen, die sie ihm gaben, strich er aus seinem Leben. Wenn sie ihm sagten, dass Geld allein nicht glücklich machte, sah er den Neid in ihren Augen aufblitzen, sie waren ihm den kleinen Reichtum, den er angesammelt hatte, nicht vergönnt. Zu spät erkannte er, dass das Blitzen in ihren Augen dasselbe war, das aus den hellblauen Augen der Bäckerin strahlte, wenn sie ihm an seinem Geburtstag eine Blume überreichte.
Aber wenn man wirklich erfolgreich sein wollte, musste man über Leichen gehen, man durfte keine Frau, keine Kinder, keine Hobbys, keine Freunde haben, die einem wie ein Klotz am Bein hingen und den Weg verstellten. Man musste frei sein, frei wie ein Vogel. Nur waren die unendlichen Weiten des Himmels ziemlich einsam, wenn man sie alleine durchflog.

Er erhob sich stöhnend aus dem Sessel. Seine Knie drohten kurz einzuknicken, aber dann stand er. Im Bad ließ er sich lange das Wasser kalt über die Hände rinnen. Er hätte gerne die Zeit zurückgedreht, zu einem Zeitpunkt, wo er noch nicht zu stolz gewesen war, den Lauf seines Lebens zu ändern.
Der kleinkarierte Teppichboden verschluckte das Geräusch seiner Schritte. Vorsichtig ließ er sich in den Sessel zurücksinken. Kater Parzival strich ihm mit erhobenem Schwanz um die Beine und sah ihn aus seinen grünen Schlitzaugen erwartungsvoll an. Er klopfte sich auf die Oberschenkel und wie ein dressiertes Hündchen tat der dicke Tiger einen Sprung und machte es sich schnurrend auf den mageren Beinen seines Herrchens bequem.

Er nahm die Tasse mit dem mittlerweile kalt gewordenen Kaffee vom Beistelltischchen und trank einen Schluck. Er hatte vergessen, wie es sich anfühlte, glücklich zu sein. Vielleicht konnte er noch etwas von Parzival lernen, der mit gutem Essen und einem warmen Schoßplatz schon zufrieden war.

Permalink 5 Kommentare

#45 Piano, piano

23. Dezember 2011 at 20:37 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , )

Tap, tap, tap. Sie hob einen Finger nach dem anderen an und ließ ihn sanft wieder auf die Tischplatte fallen. Tap, tap. Sie lächelte und faltete die Hände in ihrem Schoß zusammen. Sie hörte in ihrem Kopf eine Melodie klingen, die sie lange Jahre ihres Lebens begleitet hatte.

Sie entfaltete ihre schmalen, knochigen Hände. Die Adern standen blau hervor und ein paar Altersflecken zeichneten die reife Haut. Sie war weder von Gicht, noch von Rheuma geplagt. Sie konnte problemlos an der Strick- und Häkelrunde teilnehmen, etwas malen oder beim Adventkranzbinden kurz vor Weihnachten helfen. Manchmal unterstützte sie ihre Zimmernachbarin dabei, die tückischen Schnürsenkel zu besiegen, da deren Finger oft nicht mehr taten, was sie wollte. Sie selbst aber hatte sich ihre Fingerfertigkeit bewahrt. Sie könnte auch Klavier spielen.

Sie war nicht jünger als die anderen Bewohner des Pflegezentrums. Manchmal fiel ihr etwas nicht mehr ein, das sie eben noch gewusst hatte oder sie vergaß ihre Tabletten zu nehmen, obwohl sie jeden Morgen am Nachttisch geduldig darauf warteten, dass sie aufwachte. Aber Dinge von früher entschwanden ihr nie. Ebenso wenig wie die Melodie, die sie in ihrem Herzen trug.

Im Aufenthaltsraum, der wegen der gemütlichen Sofas gerne von Besuchern frequentiert wurde, stand er, der große schwarze Flügel. Seit sie hier wohnte, ging sie ihn jeden Tag besuchen. Sie nahm in einem dunkelgrünen, etwas fleckigen Polstersessel Platz, der es ihr erlaubte, den Flügel aus dem perfekten Blickwinkel zu betrachten – so schräg, dass sie, sollte jemand ihn bespielen, dessen Handbewegungen und die auf- und niederschnellenden Tasten beobachten konnte, während der Bösendorfer-Schriftzug ihr im Licht der Pultlampe golden entgegenschimmerte und zuzwinkerte.

Es kam selten vor, dass jemand ein paar Töne klimperte. Ab und zu kam ein junger Musikstudent vorbei, der für seine Großmutter einige kurze Stücke zum Besten gab, weil er nicht wusste, was er mit ihr reden sollte. Er schlug die Tasten fest an und trat heftig in die Pedale. Es durchzuckte sie ein leiser Schmerz, wenn sie sah, wie das edle Instrument so grob behandelt wurde.

Eines Abends, als nur noch ein schlafender Mann mit zerknautschtem Gesicht im Aufenthaltsraum war, den die Nachtschwester wahrscheinlich schon verzweifelt suchte, ging sie zum Flügel und strich vorsichtig über die Tastatur. Das kühle Weiß-und-Schwarz fühlte sich so beruhigend an, dass sie sich für einen Moment auf den wackeligen Hocker setzte. Er quietschte ein bisschen und sie drehte sich ängstlich nach dem Mann um. Aber er schlief tief und fest. Sie legte die Finger auf die Tasten und drückte sie so langsam und bedächtig hinunter, dass sie keinen Ton von sich gaben. Es war der erste Akkord der Melodie, die in ihrem Kopf unaufhörlich vor sich hin summte.

Sie blickte auf und sah einem matten, schwarz glänzenden Spiegelbild ihrer selbst entgegen. Wie lang war es her, dass sie auf einem Klavierhocker gesessen und tatsächlich das Instrument zum Schwingen, zum Seufzen und Vibrieren gebracht hatte? Zehn, fünfzehn Jahre? Irgendwann bevor ihr Mann krank geworden war. Sie hatte das Datum nicht mehr im Kopf, an dem der Krebs diagnostiziert worden war, es spielte keine Rolle, es waren nur Zahlen.

Sie hatte sich geschworen, alle Erinnerungen in ihrem Kopf zu bewahren, für immer und ewig. Seine ersten schüchternen verliebten Blicke, die streichelnden Hände, wenn sie traurig war, die von Jahr zu Jahr tiefer werdenden Lachfalten um seinen Mund, das immer schütterer werdende Haar, die einst weißen Zähne, die nach und nach durch künstliche ersetzt worden waren. Sie wollte sich merken, wie es war, neben ihm einzuschlafen und wieder aufzuwachen, Zeitung zu lesen und spazieren zu gehen. Ihm fielen Dinge auf, die sie übersehen hätte. Hier ein winziges Schneckenhaus, dort ein rastender Marienkäfer auf einer Blüte.

Aber das Einzige, was geblieben war, waren Schnappschüsse in ihrem Gehirn. Kurze Szenen bildeten sich da ab, einzelne Momente, die sie aneinanderreihen konnte, aber die nicht an das heranreichten, was er als Ganzes gewesen war, immer noch war. Nur die Melodie war geblieben. Deswegen konnte sie sie auch nicht mehr spielen, denn sie sollte bis zu ihrem eigenen letzten Atemzug so rein und unverfälscht wie in ihren Gedanken bleiben.

Es war das erste Lied, das sie ihm vorgespielt hatte, an jenem magischen Abend, an dem er sie dazu überredet hatte, eine Karriere als Konzertpianistin anzustreben. Der Plan war niemals umgesetzt worden – eine Woche vor der Aufnahmeprüfung gebar sie ihr erstes Kind. Aber die Melodie hatte sie noch viele Male gespielt. Das Stück begann langsam und melancholisch, steigerte sich zu einem schnellen, klangvollen Höhepunkt, wonach es wieder ruhiger und leiser wurde, bevor es sanft und versöhnlich endete.

Permalink 2 Kommentare

#38 Hannes und die Tiere

29. April 2011 at 17:25 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , )

„Na du“, würde er sagen, „was hat dich denn dermaßen von den Socken gehaut?“ Dann würde er behutsam den auf den Rücken gedrehten zappelnden Käfer mit Daumen und Zeigefinger packen und wieder auf die winzigen Füßchen stellen.

An Regentagen war besonders viel zu tun. Denn sobald es nicht mehr wie aus Kübeln goss, wagten sich die Regenwürmer aus dem feuchten Erdreich, um die Welt zu erkunden. Leider verirrten sie sich dabei allzu oft auf die Straße oder den Gehsteig, wo ihr Leben zerquetscht und plattgedrückt endete. Aber Hannes war ja da. Er scheute sich nicht davor, die Würmer in die bloßen Hände zu nehmen und wieder zur nächstgelegenen Wiese zu transportieren, wo sie sich dankbar wieder zwischen den Halmen ihrer Heimat entgegen wanden.

Obwohl Hannes großes und kleines Getier mochte, hatte er keine Haustiere, weil er es ungerecht empfand, sie so einzusperren. Einige Spinnen durften bei ihm ihre Netze an der Decke schlagen, Asseln und Ameisen waren gern gesehene Gäste. Ab und zu huschte ein Mäuschen über die knarrenden Holzdielen, aber ansonsten hauste Hannes allein in seiner Hütte am Waldrand.

Für Igel, Katzen und andere hungrige Besucher standen stets Schälchen mit Milch, Trockenfutter und anderen Leckereien bereit, die gerne in Anspruch genommen wurden. Diese Fütterungsaktionen wurden von den wenigen Nachbarn in der Umgebung nicht gerne gesehen – sie meinten, er locke damit Tiere an, die in Siedlungsgebieten nichts zu suchen hätten und nur Schaden anrichteten.

Hannes fuhr nicht Auto. Er konnte nicht damit leben, dass Insekten an seiner Windschutzscheibe verendeten und er mit den Reifen, die ihren Weg unbarmherzig über die Straße walzten, Kleingetier zermalmte. Er fuhr nicht einmal Rad. Er ging immer zu Fuß, ganz vorsichtig trat er auf, setzte bedächtig einen Fuß nach dem anderen auf den Boden, um ja keinem Erdbewohner weh zu tun. Er war so leise, dass man ihn nicht kommen hörte. Manchmal schreckten spielende Kinder auf, wenn er sich so anschlich und plötzlich sein Schatten auf die Kleinen herabfiel. Er lächelte sie an, während sie sich von dem Schock erholten, die Jüngsten manchmal den Tränen nahe.

Alle, die ihn kannten, hielten Hannes für einen verrückten Eigenbrötler. Hannes selbst wollte bloß ein guter Mensch sein. Er wusste, dass sich niemals eine der von ihm geretteten und beschützten Kreaturen bei ihm bedanken würde – dafür suchte er sich die falschen aus. Aber eines Tages würde er seinen Körper ja doch zwischen Würmern und anderen Erdbodenbewohnern zur letzten Ruhe betten. Und da war es doch schön, zu alten Freunden zurückzukehren.

Permalink Schreibe einen Kommentar

Adventsgeschichte: Teil 7

7. Dezember 2010 at 13:54 (Adventsgeschichte) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Als der Vater starb, war Marcel gerade mit seinem Studium fertig geworden. Er wusste, dass es sich gehörte, zu seiner Mutter zurückzukehren, damit sie sich gegenseitig über den Verlust hinwegtrösten konnten. Er war ungebunden und mit dem Diplom in der Hand könnte er in jeder Stadt Arbeit finden. Außer in dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, dort wurden keine Computertechniker gebraucht.

Er packte seine Sachen. Es war ja nicht für immer. Sobald es seiner Mutter besser ging, konnte er sich in irgendeiner großen Stadt seine Sporen verdienen. Irgendwo, wo das Internet nicht ruckelte, wenn er zwei Webseiten gleichzeitig geöffnet hatte.

Permalink Schreibe einen Kommentar

Adventsgeschichte: Teil 5

5. Dezember 2010 at 10:38 (Adventsgeschichte) (, , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen. 

Wenn Marcel nach Hause zurückkehrte, dann immer nur für ein paar Tage. Ihn störte die schlechte Internetverbindung, die alle paar Minuten zusammenbrach und auch das Handynetz war wenig zufriedenstellend. Sein Heimatland war einfach technisch noch nicht weit genug fortgeschritten, um seine ambitionierten beruflichen Ziele dort weiterverfolgen zu können.

Seine Mutter weinte, wenn er auf Besuch kam und sie weinte, wenn er wieder ging. Marcel war das unangenehm und so reduzierte er seine flüchtigen Heimaturlaube auf ein Minimum. Den Vater hingegen sah er oft, unter der Woche lebten sie ja in derselben Stadt. Dann gingen sie Bier trinken und diskutierten über Computerprobleme und welche Programme sie zuletzt erstellt hatten. Als der Vater drei Monate nach Marcels vierundzwanzigstem Geburtstag unerwartet an einem Herzinfarkt starb, war das für die Hinterbliebenen ein schwerer Schlag.

Permalink Schreibe einen Kommentar

#25 Auf der Suche

15. August 2010 at 21:18 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - nachdenklich) (, , , , , , , , )

Zwei Monate nachdem meine Großmutter verstorben war, waren meine Mutter und ich in unserem Trauerprozess endlich soweit fortgeschritten, dass wir damit beginnen konnten, Omas Habseligkeiten auszusortieren. Es war an jenem kühlen Mai-Abend, dass wir, im mittlerweile etwas muffig riechenden Wohnzimmer in der Wohnung meiner Großmutter, auf eine Schachtel mit Fotos stießen. Wir knieten vor dem tiefen Mahagonischrank, dessen Inhalt wir auf drei Stapel türmten: Wegwerfen, Behalten und Verschenken. Leder- und Stofftaschen, Schmuck und einige Bücher verteilten sich bereits auf die Stapel, wobei die Wegwerf-Sammlung nur einen von Motten zerfressenen Beutel enthielt. Wir konnten uns nur allzu schwer von Omas über die Jahre erworbenen Schätzen trennen.

In der hintersten Ecke des Mahagonischrankes stießen wir also auf jenen Karton mit Fotos. Behutsam öffnete ich die Schachtel, die von einem antiken Lindt-Schriftzug und dem Abbild von ein paar Pralinen geziert wurde. Meine Mutter und ich beugten uns neugierig über die Schwarz-Weiß-Fotografien, die jeweils von einem weißen, gezackten Rahmen umsäumt wurden.
Das erste Foto zeigte meine Großmutter vor dem Eiffelturm, wie sie schelmisch dem Fotografen einen Kussmund zuwarf. Sie trug einen frechen Kurzhaarschnitt, eine helle Bluse mit Rüschen und einen für damalige Verhältnisse wohl recht kurzen Faltenrock. Die Datierung auf der Rückseite verriet uns, dass meine Großmutter zu diesem Zeitpunkt gerade erst achtzehn Jahre alt gewesen war.

Die restlichen Bilder stammten alle aus derselben Zeit, die Dokumentation ihrer Reise erstreckte sich über einen Monat. Auf den Fotos war immer nur sie zu sehen, abgelichtet vor weiteren Sehenswürdigkeiten, dem Arc de Triomphe, später vor der Berliner Mauer und dem Brandenburger Tor und zu guter Letzt auf der London Bridge und neben den Houses of Parliament.
Immer hatte sie ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen und ihre Augen schienen auch auf den Schwarz-Weiß-Fotos vor Glück und Verliebtheit nur so zu funkeln. Zwischen den Attraktionen der jeweiligen Städte gab es auch Bilder, auf denen sie sich für den Fotografen lasziv in einem Korbstuhl räkelte oder ihm über eine Tasse Kaffee hinweg in einem sonnenbeschirmten Straßencafé anflirtete.

Wir hatten die Fotos schweigend betrachtet, aber als wir die Bilder wieder ordentlich nach Datum sortiert zurück in die Schachtel stapelten, platzten die Fragen nur so aus mir heraus. Mit wem war sie dort gewesen? Was hatte sie meiner Mutter von der Reise erzählt? War der Fotograf vielleicht mein Großvater?
Vor uns tat sich eine leere Stelle in Omas Biografie auf. Sie hatte ihrer einzigen Tochter nie von dieser Reise erzählt und auch zu wenig von ihrem Liebesleben, als dass sie Rückschlüsse auf den damaligen Begleiter hätte ziehen können. Meine Mutter wusste ja nicht einmal, wer ihr Vater war, geschweige denn, wie meine Großmutter ihn kennengelernt hatte.
Bei den seltenen Anlässen, wo sie über ihn geredet hatte, hatte sie ihn nur zärtlich „mein Prinz“ genannt, sein Name war ihr nicht zu entlocken gewesen. Er war ihre große Liebe gewesen, aber das Wissen darüber, was aus ihm geworden war, hatte sie mit ins Grab genommen.

Ein Studienmonat lag noch vor mir, bevor die Semesterferien begannen. Ich konnte mich kaum auf den Stoff konzentrieren, meine Gedanken kreisten immerzu um diese Seite meiner Großmutter, die ich nicht gekannt hatte. Es ist wohl eine Eigenart der Jugend, dass sie nicht verstehen kann, dass die eigenen Vorfahren und überhaupt alle, die älter sind als man selbst, auch einmal jung gewesen sind.
Was würde ich später meinen Enkelkindern erzählen? Und welche Geheimnisse würde ich vor ihnen verstecken? Plötzlich wollte ich auch unbedingt wissen, wer mein Großvater war und ob er der Mann war, der sich hinter dem Fotoapparat verborgen und dem meine Großmutter verliebte Blicke zugeworfen hatte.

So brach ich in jenem Sommer mit einer Handvoll Fotos in der Tasche auf. Mein erster Stopp war Paris. Ich besuchte die Orte, an denen die Bilder meiner Oma entstanden waren und hielt eigene Erinnerungen fest. In Berlin blieb ich länger als geplant und machte mehr Fotos als erwartet.
In London sah ich meiner Großmutter wohl am Ähnlichsten: Das Glück zauberte mir ein strahlendes Lächeln auf die Lippen, ich hatte dieselbe Kurzhaarfrisur und ich hielt immer neue Posen für meinen Fotografen bereit.
Nach einem Monat kehrte ich von der Suche nach meiner Vergangenheit zurück. Informationen über meinen Großvater hatte ich auf den Spuren meiner Großmutter nicht gefunden – aber mich selbst.

Permalink 3 Kommentare

#22 Alenuro, der Schmetterling

24. Juni 2010 at 20:06 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Der blau-violette Schmetterling mit der hübschen weißen Zeichnung nahm auf seiner linken Brust Platz, direkt über seinem müde pochenden Herzen.
„Sag ihr, dass ich sie liebe!“, trug er dem anmutigen Insekt auf. Der Schmetterling flatterte zwei Mal langsam mit seinen Flügeln, bevor er sich in die Lüfte erhob und sich auf einer warmen Strömung westwärts treiben ließ. Er hatte seinen Auftrag verstanden.

Für Alenuro war es nicht das erste Mal, dass er eine so wichtige Botschaft zu überbringen hatte. Doch ein Schmetterling zu sein, hieß eben nicht, den ganzen Tag über fröhlich von Blüte zu Blüte zu flattern und überall etwas Nektar zu saugen. Ein Schmetterling zu sein war in Tagen wie diesen ein harter Job.

Der Anblick, der sich Alenuro bei seiner Reise Richtung Westen bot, war kein schöner. Das Land war verwüstet, zerklüftet von Kratern und noch immer stiegen hier und da Rauchwolken von orange züngelnden Flammenmeeren auf. Der blau-violette Schmetterling musste sich immer wieder über die Menschen wundern. Sie führten Kriege und machten alles kaputt, sie rissen ihre eigenen Herzen entzwei und für was? Macht, Ländereien, Geld… Alenuro war froh, dass diese Dinge in seiner Welt nichts wert waren.

Er flatterte nun so schnell, wie ihn seine Flügel trugen, er spürte, wohin er musste. Meilenweit musste er fliegen, bis er das sichere Plätzchen erreichte, bei dem er seine Nachricht abliefern sollte. Das kleine Bauernhaus schmiegte sich eng an den Waldrand, friedlich grasten ein paar Schafe auf der umzäunten Weide, die gleich an das Häuschen anschloss. Alenuro setzte zum Landeanflug an. Ein in der leichten Brise schaukelnder Grashalm wurde sein Sitzplatz.

„Ahnt sie es schon?“, fragte er den Schafbock, der ihn unter dem Grasen von der Seite beäugte. Dieser nickte schwer. „Sie weint schon seit Stunden, sie hat es gespürt.“
Der Schmetterling seufzte und erhob sich von seinem grünen Rastplatz. Das Küchenfenster stand offen, wahrscheinlich hatte Sualita schon auf ihn gewartet. Sie saß am Küchentisch, die Hände gefaltet, sie weinte nicht mehr. Vorsichtig trippelte Alenuro über den dunklen Holztisch auf sie zu, um die stumm in die Ferne starrende Frau nicht zu erschrecken. Dicht vor ihr hielt er an, bewegte zwei Mal die Flügel auf und ab, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Er hörte sie ein letztes Mal laut aufschluchzen, bevor er den Hof verließ.

„Kümmert euch um sie, solange ich fort bin!“, rief er den Schafen zu. Er musste nun Trost suchen, für die verzweifelte Frau, und wusste auch, wo dieser zu finden war – schließlich war das seine Aufgabe, als Schmetterling in diesen Zeiten.

Permalink 3 Kommentare

Next page »