Adventsgeschichte: Teil 7

7. Dezember 2010 at 13:54 (Adventsgeschichte) (, , , , )

Beim folgenden Text handelt es sich um eine Fortsetzungsgeschichte. Daher bitte bei Teil 1 zu lesen beginnen.

Als der Vater starb, war Marcel gerade mit seinem Studium fertig geworden. Er wusste, dass es sich gehörte, zu seiner Mutter zurückzukehren, damit sie sich gegenseitig über den Verlust hinwegtrösten konnten. Er war ungebunden und mit dem Diplom in der Hand könnte er in jeder Stadt Arbeit finden. Außer in dem Dorf, in dem er aufgewachsen war, dort wurden keine Computertechniker gebraucht.

Er packte seine Sachen. Es war ja nicht für immer. Sobald es seiner Mutter besser ging, konnte er sich in irgendeiner großen Stadt seine Sporen verdienen. Irgendwo, wo das Internet nicht ruckelte, wenn er zwei Webseiten gleichzeitig geöffnet hatte.

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#22 Alenuro, der Schmetterling

24. Juni 2010 at 20:06 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - Liebe, Kurzgeschichten - Märchen, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Der blau-violette Schmetterling mit der hübschen weißen Zeichnung nahm auf seiner linken Brust Platz, direkt über seinem müde pochenden Herzen.
„Sag ihr, dass ich sie liebe!“, trug er dem anmutigen Insekt auf. Der Schmetterling flatterte zwei Mal langsam mit seinen Flügeln, bevor er sich in die Lüfte erhob und sich auf einer warmen Strömung westwärts treiben ließ. Er hatte seinen Auftrag verstanden.

Für Alenuro war es nicht das erste Mal, dass er eine so wichtige Botschaft zu überbringen hatte. Doch ein Schmetterling zu sein, hieß eben nicht, den ganzen Tag über fröhlich von Blüte zu Blüte zu flattern und überall etwas Nektar zu saugen. Ein Schmetterling zu sein war in Tagen wie diesen ein harter Job.

Der Anblick, der sich Alenuro bei seiner Reise Richtung Westen bot, war kein schöner. Das Land war verwüstet, zerklüftet von Kratern und noch immer stiegen hier und da Rauchwolken von orange züngelnden Flammenmeeren auf. Der blau-violette Schmetterling musste sich immer wieder über die Menschen wundern. Sie führten Kriege und machten alles kaputt, sie rissen ihre eigenen Herzen entzwei und für was? Macht, Ländereien, Geld… Alenuro war froh, dass diese Dinge in seiner Welt nichts wert waren.

Er flatterte nun so schnell, wie ihn seine Flügel trugen, er spürte, wohin er musste. Meilenweit musste er fliegen, bis er das sichere Plätzchen erreichte, bei dem er seine Nachricht abliefern sollte. Das kleine Bauernhaus schmiegte sich eng an den Waldrand, friedlich grasten ein paar Schafe auf der umzäunten Weide, die gleich an das Häuschen anschloss. Alenuro setzte zum Landeanflug an. Ein in der leichten Brise schaukelnder Grashalm wurde sein Sitzplatz.

„Ahnt sie es schon?“, fragte er den Schafbock, der ihn unter dem Grasen von der Seite beäugte. Dieser nickte schwer. „Sie weint schon seit Stunden, sie hat es gespürt.“
Der Schmetterling seufzte und erhob sich von seinem grünen Rastplatz. Das Küchenfenster stand offen, wahrscheinlich hatte Sualita schon auf ihn gewartet. Sie saß am Küchentisch, die Hände gefaltet, sie weinte nicht mehr. Vorsichtig trippelte Alenuro über den dunklen Holztisch auf sie zu, um die stumm in die Ferne starrende Frau nicht zu erschrecken. Dicht vor ihr hielt er an, bewegte zwei Mal die Flügel auf und ab, ehe er sich wieder auf den Weg machte. Er hörte sie ein letztes Mal laut aufschluchzen, bevor er den Hof verließ.

„Kümmert euch um sie, solange ich fort bin!“, rief er den Schafen zu. Er musste nun Trost suchen, für die verzweifelte Frau, und wusste auch, wo dieser zu finden war – schließlich war das seine Aufgabe, als Schmetterling in diesen Zeiten.

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#21 Flashback

2. Juni 2010 at 20:44 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - traurig) (, , , , , , , , )

Das Kind weinte. Was sollte ich tun? Was hatte mein Vater immer getan, wenn ich als Kind geweint hatte? Er hatte mir Schokolade gegeben, als Ablenkung. Ich war ein dickliches kleines Mädchen gewesen. Seither aß ich immer Schokolade wenn ich traurig war. Aber genau heute hatte ich keine dabei.
Das Kind schluchzte laut auf.
„Schhh…“, machte ich und hockte mich wieder neben dem Mädchen auf den nassen Asphalt. „Schhh…“

Das Weinen hörte auf. Das Kind hielt inne, starrte mich verständnislos an, bevor es wieder losplärrte. Jetzt wusste ich wieder, warum ich keine eigenen Kinder haben wollte.
Ich stupste das Kind sanft an und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken – es sollte nicht dauernd zum Unfallsort schauen müssen. Das Kind drehte sich nur noch weiter weg von mir. Es sah heulend den Feuerwehr- und Rettungsmännern bei der Arbeit zu. Warum hatten sie mich mit dem Kind alleine gelassen? Ich hatte doch gar keine Ahnung von Kindern…

„Wie heißt du?“, versuchte ich mit der Kleinen ins Gespräch zu kommen.
„Lara“, schniefte sie.
„Möchtest du deinen Papa anrufen, Lara?“, fragte ich sie freundlich. Ich hielt mein Handy, mit dem ich vorhin die Rettung verständigt hatte, immer noch in der Hand und streckte es ihr nun entgegen.
„Ich habe keinen Papa“, brachte sie keuchend hervor. Auch das noch.
„Willst du vielleicht mit deinen Großeltern reden? Hast du ältere Geschwister, Tanten, Onkel?“, fragte ich, während die Verzweiflung langsam in mir hochstieg, während sie unentwegt den Kopf schüttelte. Sie zog lautstark auf, bevor sie „hab ich nicht“ murmelte.

Ich spürte, wie meine Augen begannen, feucht zu werden. Ich hatte immer gedacht, ich hätte eine schlimme Kindheit gehabt, mit nur einer einzigen Bezugsperson, die noch dazu ziemlich ungeschickt im Umgang mit Kindern war. Aber dieses Mädchen hier hatte auf einen Schlag alles verloren.
Ich sah verschwommen vor meinem inneren Auge eine Frau mit streng zurückgebundenem Haar und ebenso strenger Stimme. „Sollen wir sie mitnehmen?“, fragte sie meinen Vater. „Wir suchen eine neue Familie für sie.“ Mein Vater schüttelte langsam den Kopf und schickte die Frau von der Fürsorge weg. Wie hätte mein Leben ausgesehen, wenn sie mich damals mitgenommen hätte? Vielleicht hätte ich eine liebevolle neue Mami gehabt, einen Papi der mich zum Ponyreiten brachte und eine herzige Babyschwester. Vielleicht hätte ich aber auch immerzu Geschirr abwaschen und auf meine schlimmen kleinen Geschwister aufpassen müssen. Ich war froh, dass ich bei meinem Vater bleiben hatte dürfen, in der gewohnten Umgebung, auch wenn Papa sich nach Mamas Tod in einen stillen, traurigen und apathischen Mann verwandelt hatte, der mir kaum den nötigen Trost und Halt schenken konnte.

Endlich kam ein Sanitäter zu uns am Straßenrand kauernden einsamen Gestalten herüber. Er stellte mir einige Fragen und ich beschrieb ihm, was ich gesehen hatte, sagte, was ich wusste. Lara schwieg neben mir, wiegte ihren kleinen Körper hin und her und drückte ihre Hände gegen den kalten Asphalt. Flüsternd erklärte ich dem Sanitäter, dass das Mädchen jetzt anscheinend niemanden mehr hatte.
„Sollen wir mal schauen, ob wir im Auto noch einen Lutscher finden?“, fragte der junge Mann Lara freundlich und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen. Sie warf mir einen langen Blick zu, nahm seine Hand und ließ sich von ihm mitziehen. Ich blieb am Straßenrand hocken und sah zu, wie die beiden langsam durch den Nieselregen auf den bereitstehenden Rettungswagen zu gingen. Auf halbem Weg drehte sich Lara um und warf mir einen letzten Blick zu.

Es war dieser Blick, dieser verwirrte und hilflose Blick, der mich so sehr daran erinnerte, wie ich mich damals gefühlt hatte, der mich aus meiner Erstarrung aufweckte. Wenn es jemanden gab, der wissen musste, was man sich als Kind wünschte, wenn man eben seine Mutter verloren hatte, dann war ich es.

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#15 Der Hauptgewinn

3. April 2010 at 13:51 (Kurzgeschichten, Kurzgeschichten - nachdenklich, Kurzgeschichten - Verschiedenes) (, , , , , )

Wie gewöhnlich waren meine Freunde zu spät dran. Ich wartete also vor der Spielhalle auf sie, so wie jeden Donnerstag. Meine Finger kribbelten – ich wollte endlich hinein und mein Glück versuchen – diesen Donnerstag würde ich den Jackpot knacken.
Ich machte es mir auf der Bank vor der Spielhalle gemütlich. So wie ich meine Freunde kannte, würde ich wohl noch ein wenig warten müssen.

Ein Mann tauchte plötzlich neben mir auf. Er fragte, ob er sich setzen dürfte. Ich nickte, rutschte ein Stück beiseite und starrte weiter den Boden an. Erst dann merkte ich, dass der Mann stark nach Alkohol roch und ungepflegt aussah. Ich hielt die Luft an.
„Ich war mal so wie du“, lallte er jetzt und strich sich mit der rechten Hand über sein mit Bartstoppeln übersätes Kinn.
Das konnte ich mir nicht vorstellen. War unter diesem vom Alkohol aufgequollenen Gesicht tatsächlich einmal ein junger Mann zu erkennen gewesen? Oder war er nicht nur einer dieser Obdachlosen, der nur keine Lust zum Arbeiten hatte? Ich würde schließlich etwas aus mir machen, einen Beruf erlernen und reich und glücklich werden – so würde ich auf keinen Fall enden.

„Ich beobachte dich und deine Freunde jetzt schon eine ganze Zeit lang“, sagte er und mir lief ein Schauer über den Rücken. Was wollte dieser Mann von mir?
Seine Augen wanderten ruhelos umher, sie fixierten mich nie länger als ein paar Sekunden.
„Jeden Donnerstag seid ihr hier, nicht wahr?“, fragte er mich mit seiner rauen Stimme.
Ich wollte aufstehen und gehen, doch er hielt eine Hand entschuldigend in die Höhe und bedeutete mir mit der anderen, sitzen zu bleiben.
„Ich war mal so wie du“, wiederholte er, so als ob das eine Erklärung wäre. Ich nickte nur und rückte so unauffällig wie möglich ein paar Zentimeter von ihm weg.
„Ich war oft hier“, fuhr er fort und umkreiste mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand den Ringfinger der rechten Hand, dort wo vielleicht einmal ein Ehering gewesen war.
„Viel zu oft“, fügte er hinzu.

Er griff in die innere Brusttasche seiner Jacke und tastete dort nach etwas. Mein Herz begann rascher zu klopfen. Hatte er dort eine Pistole versteckt? Wollte er mich umbringen, ehe ich so wurde wie er? Ich kam mir vor wie in einem schlechten Krimi. Zum Glück war es nur eine Schnapsflasche, die er aus seiner Tasche zog. Ich atmete auf.
Ich sah meine Freunde am anderen Ende der Straße. Der Mann folgte meinem Blick und sprach nun schnell und ohne abzusetzen. Ich musste mir Mühe geben, ihn zu verstehen: „Hör auf, so lang du noch kannst. Es ist eine Sucht. Du kannst nicht gewinnen, nur alles verlieren, mehr als du denkst. Ich war so wie du…“ Damit stand er auf und wankte davon, einige Sekunden, bevor meine Freunde bei mir ankamen und sich über meine neue Bekanntschaft lustig machten.

Übelkeit stieg in mir hoch, als ich an all das Geld dachte, das ich hier schon verspielt hatte. Vielleicht war der Mann doch auch eines Tages ein junger, unbekümmerter Mann gewesen, wie ich. Ich verabschiedete mich unter einem Vorwand von meinen Freunden und ging nach Hause, bevor es zu spät war.

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